Die Söhne Gromdolkurs
Eine Sage des Tritheons:
„Jenseits des Horizontes, wo die Trennung zwischen Himmel und Erde keine mehr ist, da herrschte einst der Titan Gromdolkur. Grausam und hochmütig war Gromdolkur und dabei verschlagen und niederträchtig. Liebe kannte er nur für sich selbst, und sein grösstes Vergnügen war es, einen jeden zu demütigen und zu verspotten. Gromdolkur grösster Schatz war der Vogel Tirlikit, dessen Gesang so schön war wie der keines anderen Vogels. Doch wer immer diesen Gesang hörte, der verfiel in einen Zauberschlaf für hundert Jahre. Einzig des Vogels Meister war gegen den Zauber des Gesanges gefeit, und Gromdolkur nutzte dies zu seinem Schutze und seiner Belustigung und hielt den Vogel Tirlikit immer in seiner Nähe. Kein Feind konnte Gromdolkur nahen, ohne des Tirlikits Zaubergesang zu hören und in tiefen Schlaf zu fallen.
Zwei Söhne hatte Gromdolkur. Der ältere trug den Namen Ignul, und er war ein meisterhafter Schmied und geschickter Handwerker und hatte Macht über das Feuer. Dabei war Ignul missgestaltet und bucklig und hatte einen Klumpfuss. Ob seiner grotesken Gestalt ward Ignul verachtet von Gromdolkur. Der jüngere trug den Namen Odul, und er war ein grosser Dichter und wunderbarer Sänger und hatte Macht über das Wasser. Dabei war Odul von sanftem und schwermütigen Wesen, und darob ward er verachtet von Gromdolkur. Weder Handwerkskunst noch Dichtung schätzte Gromdolkur, sondern nur Kriegskunst und Gerissenheit, und für seine Söhne hatte er nur Hohn und Spott.
Eines Tage nun machte sich der Herr Morenu auf, den Titanen Gromdolkur zu erschlagen, wie es sein Brauch war. Als Gromdolkur dies vernahm, da befiel ihn Furcht, und er sann darauf, den Herrn Morenu zu überlisten und zu demütigen. So verkleidete sich Gromdolkur mit List und Zauber als alter Wanderer, und er ging des Nachts zum Lager des Herrn Morenu und sprach freundlich mit ihm. Der Herr Morenu erkannte Gromdolkur nicht und lud ihn ein, sich zu ihm ans Feuer zu setzen und mit ihm zu speisen, und so tat Gromdolkur. Dabei fragte er den Herrn Morenu nach seinem Ziel, und der Herr Morenu gab freimütig Antwort. Da sprach Gromdolkur: „Ich habe wohl gehört vom Titanen Gromdolkur, und auch vom Vogel Tirlikit, der ihn schützt. Ein jeder Feind, der dem Gromdolkur naht, den schickt des Tirlikits Gesang in hundertjährigen Schlaf. Aber ich kenne ein Mittel, sich gegen den Zaubersang zu schützen.“ - „Weiser Alter,“ erwiderte der Herr Morenu, „dann beschwöre ich dich, nenne es mir, damit ich die Welt vom grausamen Gromdolkur befreien kann.“ Und Gromdolkur sprach: „Ich will es dir sagen: Petersilie musst du dir in die Ohren stecken, und mit Honig musst du deine Ohren versiegeln. Dann kannst du nicht mehr hören des Tirlikits Gesang, und keine Macht hat sein Zauber über dich.“ Der Herr Morenu dankte Gromdolkur für diesen Rat, und am nächsten Tag besorgte er sich Petersilie und Honig und ging damit zu Gromdolkurs Festung.
Trutzig und mächtig war die Feste und gut bewacht, und von festem Eichenholz war ihr Tor, doch der Herr Morenu erschlug die Wachen und zerbrach das Tor. Er steckte sich die Petersilie in die Ohren und versiegelte sie mit Honig, wie ihm der alte Wanderer geraten. So betrat er die grosse Halle Gromdolkurs. Hier erwartete ihn bereits Gromdolkur mit dem Vogel Tirlikit. Sogleich stimmte Tirlikit seinen Gesang an. Doch der Herr Morenu glaubte sich gefeit dagegen und trat näher ohne Zögern. Nun aber ward des Gromdolkurs List offenbar, denn keinen Schutz boten Petersilie und Honig, und der Herr Morenu verfiel in tiefen Zauberschlaf. Mächtig war da Gromdolkurs Lachen.
Gromdolkur hängte den Herrn Morenu von den Zinnen seiner Feste an stählernen Ketten, und die Getreuen des Fürsten Gromdolkur kamen und verspotteten den Herrn Morenu, und am Meisten lachten sie darüber, dass in des Herrn Morenu Ohren Petersilie und Honig waren. Doch gross war die Kraft des Herrn Morenu, und schon nach drei Tagen erwachte er wieder, nicht erst nach hundert Jahren. Aber all seine Kraft nützte ihm nichts gegen die Ketten, die ihn hielten, denn sie waren gefertigt worden von Ignul, dem grössten aller Schmiede, aus dem Eisen des Berges Erenmar, erhitzt im Feuer des ersten Vulkans und gekühlt im eisigen Blute eines Frostdrachens, und nichts konnte sie brechen. So hing denn der Herr Morenu trotz allen Anstrengungen weiterhin von Gromdolkurs Zinnen, und der höhnische Titan spottete seiner umso mehr, je mehr der Herr Morenu sich zu befreien mühte.
Eines Nachts aber, da alle in Gromdolkurs Feste schliefen, kamen Ignul und Odul vor den Herrn Morenu, und sie sprachen: „Mächtiger Morenu, wir wollen dir helfen und dich befreien, wenn du für uns keine Feindschaft hegen willst.“ Doch der Herr Morenu erwiderte: „Meine Feindschaft gilt dem ganzen Geschlecht der Titanen, und nicht ruhen will ich, als dass ich die Schöpfung von ihrem bösen Treiben befreit.“ Da sprach Ignul: „Dem Geschlecht der Titanen wollen wir entsagen und auch seinen bösen Wegen, und helfen wollen wir dir wider die Titanen und wider Gromdolkur.“ Doch der Herr Morenu erwiderte: „Dies ist nicht Recht, denn Gromdolkur ist euer Vater, und ihr schuldet ihm Respekt und Treue.“ Da sprach Odul: „Schändlich nur hat Gromdolkur uns behandelt zeit unseres Lebens, und niemals kam er den Pflichten des Vaters nach. So sehen wir uns nicht gebunden, den Pflichten der Söhne nachzukommen, und nicht schändlicher Verrat wird es sein, wenn wir dir helfen wider unseren Vater, sondern gerechter Lohn für sein Tun.“ Da war der Herr Morenu einverstanden, dass Ignul und Odul ihm hülfen. Ignul sprach nur ein Wort, und schon liessen die Ketten den Herrn Morenu frei, denn Ignul ist der Meister von allem Eisen.
Mit Ignul und Odul ging der Herr Morenu in die Gemächer Gromdolkurs. Dort war auch der Vogel Tirlikit, der sogleich seinen Gesang anstimmten wollte. Doch Odul kam ihm zuvor und sang ein eigenes Lied, und es war dieses Lied wie der erste Sonnenaufgang über dem Meer, so dass der Tirlikit schwieg und lauschte und seinen eigenen Gesang vergass. Als Oduls Lied endete, da erschien sein eigener Gesang dem Tirlikit im Vergleich hässlich wie das Krächzen der Krähe, denn Odul war der Meister von allem Gesang. Und niemals wieder stimmte der Tirlikit danach seinen Gesang an, denn er entsann sich immer der Schönheit von Oduls Lied, der er niemals genügen könnte.
Endlich konnte der Herr Morenu dem Titanen Gromdolkur gegenübertreten, und der Herr Morenu erschlug Gromdolkur in seinem Schlafgemach und tötete seine Getreuen und zerstörte seine Feste. Die Brüder Ignul und Odul aber halfen dem Herrn Morenu und gingen mit ihm. Treu standen sie seither stets an seiner Seite, und sie fanden Eingang unter die Götter des Diesseits. Ignul ward der Gott von Feuer und Schmiedekunst, und Odul ward der Gott von Wasser und Dichtkunst, und beide schufen sie viele wunderbare Werke und schützten das Diesseits wider Titanen und Dämonen und andere Feinde.“
