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Die vergessene Kompanie


Aus den (noch unveröffentlichten) Aufzeichnungen Olcurs des Reisenden:

„Meine Hoffnung, den Schrein des schlafenden Nabels zu sehen, erfüllte sich nicht; mehr als einen Monat irrten wir durch die Berge im Herzen Yumenechs, fanden den legendären Tempel aber nirgends noch jemanden, der den Weg kannte. Eine andere Entdeckung aber scheine ich am Ende gemacht zu haben, wenn ich mir dessen auch nicht mehr sicher bin.

Tarv und Rombard hatten sich zeitweilig von uns getrennt, um einer letzten Spur beim Stamme der Shakquar nachzugehen; sie sollten uns in drei oder vier Tagen einholen. Wir übrigen begaben uns zum Fusse des mächtigen, noch nie bezwungenen Berges Nemassrem, wo eine Kompanie der siebten Legion postiert sein sollte. Wir fanden das gut befestigte Lager auch bald, und die Soldaten begrüssten uns mit träger Freude. Ein ergrauender Veteran namens Niandros hiess uns willkommen und wies uns ein Zimmer in einer Baracke zu. Der Hauptmann werde uns umgehend empfangen, sagte er.

Ich vermag nicht genau zu sagen, wie lange wir warteten auf dieses Gespräch, aber es scheint mehr als ein Tag gewesen zu sein; zumindest dünkt mich, dass da eine Nach dazwischen lag. Der Hauptmann war ein bedächtiger Graubart, der uns jegliche Unterstützung zusagte. Er machte einen verständigen und welterfahrenen Eindruck, und wir kamen ins Plaudern. Er erzählte, wie er damals, vor mehr als zwanzig Jahren, unter dem Hjorgenskor gekämpft habe, bei der Schlacht von Shat. Das sei ein Kampf gewesen! Er wundere sich manchmal, was wohl aus dem Hjorgenskor geworden sei. Moment, warf ich ein, das könne nicht sein, die Schlacht von Shat sei noch kaum zwei Jahre her. Der Hauptmann sah mich verwirrt an und lachte dann bitter. Das sei ein böser Witz, so etwas zu sagen, gerade bei ihnen, die man nach der Eroberung von Yumenech hier vergessen habe; seit zwanzig Jahren warteten sie auf Ablösung und hörten nichts vom Präfekten, ich solle also nicht solche Scherze machen. Das sei kein Scherz, sagte ich, das sei mein Ernst, und sie könnten mir nicht einreden, sie seien jetzt wirklich schon zwanzig Jahre hier, vor zwanzig Jahren seien ja noch gar keine Imperialen auf Yumenech gewesen! Das sei lächerlich, mischte sich Niandros ein, er habe auch bei Shat gekämpft, und damals sei er noch ein Jüngling gewesen, dem kein richtiger Bart wuchs. Seine ganze Zeit als Mann habe er hier verbracht, da lasse er sich nicht erzählen, das seien nur zwei Jahre gewesen.

Natürlich bestand ich auf meiner Position, und meine Begleiter unterstützten mich dabei. Der Hauptmann und auch Niandros meinten, wir seien allesamt verrückt, und beinahe wäre es zu einem bösen Streit gekommen. Schliesslich rief der Hauptmann einige weitere Legionäre herbei, und die schwuren allesamt Stein und Bein, dass sie bei Shat gekämpft hätten, und dass das jetzt sicher zwanzig Jahre her sei. So überzeugt schienen sie davon, dass ich selbst mich zu wundern begann, ob ich am Ende tatsächlich verrückt geworden sei. Nach einigen Tagen war mir klar, dass ich da einem seltsamen Irrglauben aufgesessen sei, die Schlacht von Shat sei ja wirklich schon zwanzig Jahre her, oder vielleicht auch zweiundzwanzig.

Ich lernte das Leben der Kompanie kennen, während wir auf Tarv und Rombard warteten. Es ist gezeichnet von gemütlicher Disziplin, von gleichförmigen Tagen angefüllt mit Drill und Musse. Alle paare Wochen oder Monaten müssten sie einen Feind abwehren, Orks zumeist oder Titanenbrut. Gegen die Stämme müssten sie auch manchmal kämpfen, in den heissen Sommern, wenn denen Wahnsinn und Langeweile im Knochenmark kochten. Aber sonst seien die Beziehungen zu den Stämmen ganz gut.

Es mögen drei Tage gewesen sein oder auch dreizehn oder dreissig, ich weiss es nicht genau, sie flossen flimmernd ineinander, bis schliesslich Tarv und Rombard kamen. Wie erwartet hatten sie nichts üben den schlafenden Nabel erfahren. Sie sassen auch dem verrückten Irrtum auf, die Schlacht von Shat sei erst zwei Jahre her. Als ich ihn von der Wahrheit zu überzeugen versuchte, da kriegte Tarv einen seltsamen Blick, halb alarmiert, halb nachdenklich, halb ängstlich, und bestand darauf, dass wir sofort abreisten. Ob das nicht noch ein oder drei Tage warten könne, fragte ich, aber Tarv war eisern in seinem Vorhaben, es sei von höchster Bedeutung. So nahmen wir den Abschied. Der Hauptmann gab mir zwei Briefe mit, einen für den Präfekten von Yumenech, wer immer das mittlerweile sei, und einen für den Hjorgenskor, wenn der noch lebe. Ich solle doch ein gutes Wort einlegen bei den Magistraten, dass ihnen endlich eine Ablösung geschickt würde.

Wir ritten zügig und legten schnell fünfzig Meilen oder mehr zurück, aber der Nemassrem war immer noch direkt hinter uns. Ich fand dies zunehmend irritierend und schlug vor, die Richtung zu ändern, doch Tarv widersprach vehement. Er bestand darauf, dass wir stur geradeaus weiterreisten, und schliesslich wich die gewaltige Präsenz des Berges tatsächlich hinter uns zurück. Ich empfand dabei eine gewisse Erleichterung, in die sich eine unerklärliche Wehmut mischte. Bald erschien mir der Aufenthalt dort, am Fusse des Nemassrem, unwirklich wie eine fremde Erinnerung, und ich musste erkennen, dass ich doch keiner Wahnvorstellung angehangen hatte – zwei, nicht zwanzig Jahre liegt die Schlacht bei Shat zurück. Die beiden Briefe vom Hauptmann gingen leider auf der Reise verloren, doch ich schrieb zwei neue an ihrer Statt und versandte sie; zumindest glaube ich, ich hätte dies getan, aber sicher sagen könnte ich es nicht.“

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