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durrendaal

Durrendaal


Aus den Aufzeichnungen Olcurs des Reisenden:

„Am sechsten Morgen nach unserer Abfahrt von Elfentor erhob sich unversehens eine mächtige hölzerne Wand aus dem Meer, von Grün gekrönt. Erst von Nahem erkannte ich, dass es dabei um hohe Bäume von geradem Wuchs handelte, welche derart dicht beieinander stehen, dass zwischen ihnen kaum eine Lücke zu erkennen ist, und so nahe beim Meer, dass gar kein Strand sichtbar ist. Dies sind die majestätischen roten Zedern von Durrendaal, deren Holz begehrt ist bei Zimmermann und Schiffbauer.

Durrendaal ist eine Insel mittlerer Grösse, doch nur an wenigen Stellen kann ein Schiff landen; zu dicht stehen fast überall am Ufer die Zedern, als dass man hier anlegen oder ins Innere der Insel vordringen könnte. Der einzig nennenswerte Hafen liegt bei jener Stadt, welche den gleichen Namen trägt wie die Insel. Die Zufahrt wird bewacht von einer Festung auf einer vorgelagerten Insel, welche zugleich auch die Gezeiten zu brechen scheint, ist das Becken dahinter doch weit ruhiger als die umgebende See.

Fährt man unter den dräuenden Kanonen jener Festung hindurch, so sieht man vor sich eine friedlich schimmernde Bucht. Zur Linken erhebt sich noch immer der eindrückliche Zedernwall, zur Rechten aber ist ein Strand erkennbar, wo der Fluss Tuur sich in die Bucht ergiesst. An jener Mündung befindet sich die Stadt Durrendaal. Sie ist der Endpunkt der Reise der Zedernstämme, welche von Holzfällern geschlagen und den Tuur hinunter getrieben werden. Der Handel mit dem Holz und anderen Produkten des Waldes wie Fellen und Harzen hat Durrendaal einen gewissen Reichtum eingebracht.

Die Stadt ist komplett aus Holz erbaut, und ihre grössten Gebäude sind die Sägereien, welche durch die Kraft des Wassers und mächtige Mechanika angetrieben werden. Solange die Sonne am Himmel steht, erklingt unablässig der kreischende Lärm der gewaltigen Sägen, und am Abend vernimmt man in der ganzen Stadt das Lärmen in den Tavernen, wo Holzfäller und Sägereiarbeiter ihre hart erarbeiteten Münzen verprassen. Selbst in tiefster Nacht herrscht keine Ruhe, ist doch dauernd das Schreien allerlei Getiers aus dem Walde zu hören.Fürwahr, Durrendaal ist ein laute und ruhelose Stadt, auch wenn sie nicht gross ist.

[…]

Der Militärpräfekt Durrendaals hat seinen nominellen Sitz auf der Feste in der Hafeneinfahrt, doch weil die Gefahr für Durrendaal nicht von der See, sondern von den Orkstämmen im Landesinneren droht, weilt er zumeist in einem der Forts tief im Wald.

[…]

Nicht wenig erstaunt war ich ob dieser Einladung zum Gouverneur, und neugierig leistete ich ihr bereitwillig Folge. Es erwies sich, dass Colcus Tibretus begierig war, mit einem gelehrten Reisenden zu plaudern und allerlei Neuigkeiten von der Valerischen See zu erfahren – wobei, so muss ich gestehen, sein Interesse vornehmlich dem Klatsche aus der Aristokratie galt. In dieser Hinsicht sah ich mich ausser Stande, seinen Wissensdurst zu stillen.

Überhaupt gewann ich den Eindruck, dass Tibretus Neigungen anhängt, die einem Mann von seiner Stellung und seinen unverkennbaren Geistesgaben schlecht anstehen. Er ist, daran soll kein Zweifel bestehen, klug und gebildet, und selten fand ich im Grenzgürtel einen ebenso geistreichen und humorvollen Gesprächspartner. Doch ist er auch übermässig dem Trunke und der Speise zugetan; er trank während meines Besuches genug Wein für vier starke Männer, und er ass für sieben. Und dennoch, und obwohl ich selbst kräftig zulangte, war seine Tafel derart reichlich gedeckt, dass wir beide nicht die Hälfte davon zu verzehren vermochten; ich fürchte, ich muss auch Verschwendungssucht zu des Gouverneurs Lastern zählen. Leisten kann er sich diese Schwäche aber wohl, so reich ward Tibretus durch sein Amt in einer der ertragreichsten Provinzen des Grenzgürtels, welches noch nicht einmal erschwert wird durch übermässige Präsenz des zweiten Machthabers.

Insgesamt gewann ich den Eindruck, dass der durchaus verständige Colcus Tibretus sich alle erdenkliche Mühe gibt, jenem Bild des dekadenten und pflichtvergessenen Gouverneurs zu entsprechen, welches so gerne von den Feinden des Imperiums ausgemalt wird.“

durrendaal.txt · Zuletzt geändert: 2018/07/29 18:17 von 127.0.0.1