Elfentor
Aus den Aufzeichnungen Olcurs des Reisenden:
„Als die Zwerge die Elfenstadt Tor Valeth eroberten, zerstörten sie weite Teile davon, darunter den grossen Palast von Creal und alle Befestigungsanlagen, und viele weit gerühmte Meisterwerke von Kunst und Architektur gingen uns verloren. An die Rote Brücke über den Eingang zur Goldenen Bucht aber legten sie keine Hand: General Kwordim war von diesem Bauwunder derart bewegt, dass er nicht nur seinen Soldaten verbat, ihre jeglichen Schaden zuzufügen, nein, er ging so weit, ihrem Erbauer Cyandor eine Statue zu errichten und dafür zu sorgen, dass sein Name in die Liste der Meister aufgenommen ward – eine Ehre, welche bis dato einzig Zwergen vorbehalten war!
Die Zwerge aber blieben nicht in Tor Valeth; sie zogen bald wieder ab, und nur alle paar Jahre kamen einige zurück, um die Erhaltung von Brücke und Statue zu gewährleisten. Derweil zerfiel der Rest der Stadt; die Elfen kehrten nie hierher zurück.
Endlich kamen Menschen von der Valerischen See in den Grenzgürtel, und eine ihrer ersten Siedlungen war jene in den Überresten der Stadt, die sie Elfentor nannten. Dies ist kaum verwunderlich: Die Lage am Eingang zur Goldenen Bucht ist vorzüglich. Die Bucht selbst bietet einen perfekten Hafen, ihre Gewässer sind so fischreich wie alle anderen, und ihr Anblick an einem warmen Abend, da das Wasser gemäss ihrem Namen schimmert, ist eine Wohltat für jedes Auge. Die Hügel rund um die Bucht sind reich an Kupfer und Kohle, und das Land ringsum ist fruchtbar und auch für Weinbau geeignet. Die Rote Brücke erlaubt ein jedem nicht nur leichten Zugang zur Nordseite der Bucht, sie ist auch von solch atemberaubender Höhe, dass selbst die grössten Schiffe mühelos unter ihr passieren können.
Dies alles und ihre dem Handel günstige Lage machten Elfentor zu einer der grössten und reichsten Städte des Grenzgürtels, und auch die Grenzgürtelshandeskompanie gründete hier ihren ersten Kontor in Übersee. Jene Valerischen Händler waren bald einflussreich in der Stadt, und man berichtet, es hätten ihr Gold und ihre Intrigen dafür gesorgt, dass Elfentor kampflos von den Föderierten abfiel. Und auch wenn ihr Ruf arg darunter litt, hat sie letztlich doch profitiert davon: Die Stadt der Roten Brücke erhielt das Recht auf gänzlich freien Handel mit mancherlei Ware, darunter auch Sklaven – den grössten Nutzen hiervon hatte zweifellos die Handelskompanie selbst.
Heute gedeiht Elfentor weiterhin. Sie mag sich nicht messen können mit Valeor, Trieston und Athyersus an Grösse und Einwohnerzahl, aber sie ist voller Leben und Wachstum und Versprechung. Händler von überall und auch Zwerge und Elfen kommen her, nicht nur des Gewinns wegen, sondern auch der Roten Brücke. Auf den Märkten finden sich nicht nur Waren von weit her, sondern auch Rohstoffe und Feldfrüchte und Wein von der Goldenen Bucht.
Und auch wenn Elfentor eine junge Stadt für die Menschen ist, so finden sich in ihr doch Gebäude, die älter sind als alle an der Valerischen See. Denn nicht alle der elfischen Bauwerke sind gänzlich verfallen, manche haben Krieg und Jahrhunderte überstanden, andere warden von den neuen Siedlern wiederhergestellt. Die meisten von ihnen finden sich am Fuss der Roten Brücke, in einem prachtvollen Viertel marmorner Eleganz. Wenn auch viele in privatem Besitz sind und von uns gemeinen Reisenden nur von aussen bewundert werden können, so sind doch andere allen zugänglich, etwa das berühmte Theater von Meister Kornilok. Und selbst der Fischmarkt findet sein Heim in einer uralten gedeckten Halle, offen nach drei Seiten mit hohen Säulengängen. Hier findet sich nicht nur das Getier der Goldenen Bucht, sondern auch die Früchte des Umlandes, und das lärmige Drängen und lebendige Handeln erfüllt die ehrwürdige Halle mit einzigartigem Reiz.
Doch auch Schatten findet sich mitten im goldenen Glanze:. Wer mit ungetrübter Menschlichkeit über den grossen Sklavenmarkt wandert, den muss dauern das furchtbare Leid und Elend der angepriesenen Sklaven, den muss erschüttern die Grausamkeit ihrer Verkäufer. Ich sah eine Familie, die Kinder weggerissen von der Mutter, der Vater verkauft in die Minen, alle Augen nass, alle Hoffnung auf ein Wiedersehen vergeblich. Dies Treiben der Handelskompanie ist ein Verbrechen und eine Schande, auch wenn es dem Gesetze gehorcht und ihren Herren Ansehen einträgt.“
