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eschaton

Eschaton

Aus den Aufzeichnungen Olcurs des Reisenden:

„Eschaton: ein Ereignis mehr noch als eine Insel in der Meisten Köpfen. Hier schlug das das Valerische Imperium die Föderation entscheidend, hier endete der Krieg im Grenzgürtel. So stark ist die Verbindung des Namens mit dem Ereignis in unserem Denken, so allgegenwärtig die Spuren des Ereignisses auf der Insel, dass es tatsächlich schwer fällt, die Insel als eigenständige Entität zu sehen und nicht bloss als Hintergrund für den titanischen Kampf, der auf ihr tobte. Ich will hier versuchen, die Insel selbst ins Auge und in Worte zu fassen.

Dem sich von Süden nähernden Reisenden bietet Eschaton keinen schönen Anblick: An den Rücken eines verwachsenen Titanen, gebückt im Wasser stehend, erinnert sie. Bis heute wird Eschaton gerühmt für seine Zedern, doch sah ich bei meiner Anfahrt kaum Grün; die Wälder der südlichen Gestaden wurden innert fünfzig Jahren gefällt und in Schiffe verwandelt. Ein schmutziges Braun ist die Farbe Eschatons, von Grau und Rot unterstützt. Abweisend ist die Küste, von zerklüfteten Klippen dominiert. Dräuend und unheilvoll schien die Insel Eschaton mir, doch vielleicht war dies nur des Ereignisses Eschaton Echo in meinem Kopf. Vielleicht täuscht der Name die Augen, vielleicht wirkt die Insel freundlicher auf Besucher, die nicht um ihre Geschichte wissen.

Bevor die Menschen in den Grenzgürtel kamen, bauten die Zwerge Eisen ab in den Bergen Eschatons. Wann sie herkamen, ob zuvor Elfen hier siedelten, wie die Insel in alten Tagen genannt wurde, wissen wir nicht. Wir können aber die Spuren der Zwerge sehen, nicht nur in der von ungezählten Minen durchlöcherten Landschaft, sondern schon bei der Ankunft in der grossen Stadt Gehenna: Armen gleich umfasst die Odulswehr, zwei mächtige Klippen, das Hafenbecken, von den Zwergen in ehrfurchtgebietende Festungen verwandelt. Die Öffnungen von Geschützstellungen sind in den Wänden zu erkennen, die verwinkelten Gänge dahinter zu erahnen. An beiden Seiten der schmalen Öffnung durch die Klippen erkennt man die in Stahl gekleideten Bollwerke, in denen sich gewaltige Winden befinden. Eine stählerne Kette mit Gliedern dick wie mein Oberschenkel zieht sich von einem Bollwerk zum andern; meist ruht sie träge auf dem Grund, doch mit den Winden kann sie gehoben und gespannt werden. Knapp unter der Oberfläche bildet sie dann ein unüberwindliches Hindernis für jedes Schiff. Die Kanonen der Odulswehr waren stets gut mit Schiesspulver versehen, selbst nach dem Pulvertod. Unzugänglich war Gehenna immer für jedes feindliche Schiff, unfreundlich und verschlossen scheint es dem Besucher.

Wer unter der Klippen gewaltigem Schatten hindurch gefahren ist, der gelangt in das grosse Hafenbecken Gehennas. Tief genug selbst für zwergische Seebrecher, gänzlich geschützt vor Wind und Wetter durch die Odulswehr, am Rande eines Landes, welches den Begehr von Seefahrern und Schiffbauern vollkommen erfüllt, gelegen an der Mitte der See von Gehenna – ein geeigneterer Platz für einen Hafen fand sich nie. Der Föderierten Flotte Oberkommando hatte in Gehenna seinen Sitz, und wer diesen Hafen gesehen hat, der kann diese Wahl nur als offensichtlich anerkennen.

Der Hafen liegt in der Stadt Gehenna wie Wasser in eine Schüssel aus Häusern. Rundum steigt die Küste steil und hoch an; vom Schiff aus wirkt es, als stehe ein Haus auf dem hinteren Rand des nächsten. Gedrungen und mit flachem Dach sind sie und in den Hang hinein gebaut. Die Gassen dazwischen sind schmal und steil und vom Hafen aus unsichtbar; drei breite Serpentinen steigen vom Meer auf die Anhöhe rundum, und auf ihnen scheint sich zu jeder Stunde der ganze Verkehr Eschatons zu stauen. Einige wenige Prachtbauten verschwimmen vor dem Häuserwall, darunter der Palast des Hafenmeisters, wo die föderierte Admiralität einen Krieg plante und heute die imperiale Flottenführung die Herrschaft über die See von Gehenna. Auf dem östlichen Arm der Odulswehr zeigt sich eine weitere Erinnerung an das Ereignis Eschaton: der Palast der Seeherren, über der Hafeneinfahrt thronend, erbaut von Haus Kyrchamon auf dem Höhepunkt seiner Macht, niedergerissen vom Triumphator Verodan Carvallus nach seinm Fall. Dem neuen Präfekten schien der Bau, berühmt für seine wunderbare Beinfassade, nicht prächtig genug; nun wird ein weit grösserer Palast an seiner Stelle errichtet.

Zur Linken des Einfahrenden schwebt über dem Wasser eine türkisfarbene Kuppel zwischen drei filigranen Türmen; erst auf den zweiten Blick sind die schlanken Säulen zu erkennen, die aus dem Wasser ragen und die Kuppel tragen. Türme und Säulen sind gänlich mit Muscheln besetzt, ebenso wie die Plattform unter der Kuppel. Dies ist der grosse Tempel Oduls, von manchen der schönste der Welt genannt. Er wacht über den Eingang zu jener legendären Grotte, zu welcher Odul vom Lied der Maid Gehenna gelockt ward, und in welcher er das erste Mal mit ihr lag. Ein Tor mit zwei Flügeln aus gewaltigen Muschelschalen, geschnitzt in Form zweier Seepferde, verwehrt den Zugang zu dieser heiligen Stätte; wer es passieren will, der muss mit einem selbst geschriebenen Lied die Seepferde zum Tanzen bringen oder zu Tränen rühren, auf dass sie den Weg frei geben. Meine kläglichen Versuche in der Dichtkunst warden von den geschnitzten Wächtern verschmäht, weshalb ich die Grotte nicht mit eigenen Augen sah; doch man berichtet, dass sie erfüllt sei von Oduls Lied, und dass jeder Besucher sie verlasse mit tiefem Verständnis um die Geheimnisse des Meeres. Diese Grotte ist auch der Grund, weshalb die Leitstimme von Atyersus ihren Sitz nach Gehenna verlegen will.

Wenn Gehenna auch ein eindrücklicher Anblick ist vom Hafen aus, so ist doch noch nicht einmal der grösste Teil der Stadt so sichtbar. Die Zwerge legten ein verzweigtes Netz von Tunneln an in den Klippen rundum; heute nutzen die Menschen sie weidlich.Fast jedes Haus hat seinen eigenen Zugang zu den Tunneln, die Grösse eines Gebäudes ist von aussen nicht zu schätzen, kann doch selbst die kleinste Hütte über ein Dutzend Räume im Felsen verfügen. Ganze Quartiere finden sich unterirdisch ebenso wie der grosse Markt nahe dem Hafen; man mag sich fürwahr in einer Stadt der Zwerge ahnen. Und auch eine der interessantesten und sicherlich die zwiespältigste Attraktion Gehennas liegt unterirdisch: das Netz der Wünsche, ein Gewirr aus Kammern und Sälen, verbunden durch Tunnel und Stollen, das sich wie der Spinne Netz durch den Felsen zieht. Im Zentrum findet sich ein grosser Schankraum, in dem jedes gebraute, gekelterte oder gebrannte Getränk des gesamten Grenzgürtels erhältlich ist; in den Räumen darum herum findet sich jegliche wünschbare Ausschweifung: Würfeln und Rake in kargen Kammern, Flüstern in schummrigen Räumen mit rotsamtenen Kissen, Prostituierte aus aller Herren Länder in üppigen Gemächern, aber auch eine Sammlung filigraner Glaskunstwerke von erlesener Schönheit, funkelnd im Licht hunderter Kerzen. Je tiefer man in das Netz eindringt, je tiefer man sich von der Oberfläche in die felsige Dunkelheit hinein wagt, desto ausgefallener, bizarrer und düsterer werden die Verlockungen. Niemand vermochte mir zu sagen, wie weit das Netz sich hinzieht oder welche Wünsche in seinen tiefsten Kammern erfüllt werden. Der Herr des Netzes ist Ululshi die Spinne, einer der mächtigsten Männer Gehennas, ein Zuhälter und Hehler ebenso wie ein Kunstsammler von feinstem Geschmack und, glaubt man den Gerüchten, ein Meister mysteriöser Magie.

Wie jede Stadt hat Gehennas seinen Teil an Ungeziefer, eingeschleppt aus aller Welt. Eine Eigenheit hier ist die Sauplage: verwilderte Schweine von dunkelgrauer Farbe, abscheulichem Gestank und bösartigem Charakter, die sich in den Tunneln vermehren und vom Abfall und Unrat tausender Menschen ernähren. Sie sind nahezu ungeniessbar; der berüchtigte Gehennaschinken wird mit Salzlake behandelt, ist zäh wie alte Stiefel und schmeckt auch so.“In Gehenna isst der Schinken dich“ ist ein verbreiteter böser Witz mit einigem Wahrheitsgehalt: Immer wieder werden nächtliche Fussgänger von Schweinerudeln gefressen. Die Stadtoberen haben wiederholt versucht, der Sauplage den Garaus zu machen – ohne Erfolg.

Lebendig, offen und durchmischt ist Gehenna, wie es nur ein bedeutendster Hafen sein kann. Man mag hier tatsächlich das Ereignis Eschaton für eine Weile vergessen, bis man um eine Ecke biegt und unerwartet vor drei ausgebrannten Ruinen steht. Der mächtige Wall, der sich über der Häuserwand rund um die Stadt zieht, wird von grossen Breschen durchbrochen; sichtbar selbst vom Hafen aus für das wissende Auge ist jene Stelle, da die Oger zuerst durch die Verteidigung brachen. Während an der Reparatur des Walles geschäftig gearbeitet wird, bleiben die zerstörten Häuser der Stadt noch stehen wie alte Narben, ihr Jucken ignoriert.

Verglichen mit der lauten und betriebsamen Stadt Gehenna ist das Hinterland Eschatons still und menschenleer. Ruhige Dörfer aus schlichten Häusern schmiegen sich in Täler voller Äcker und Weiden zwischen Hügeln bewachsen mit Zedern. In der Mitte Eschatons wachsen die Hügel an zu niedrigen Bergen, durchlöchert von den alten Minen der Zwerge und den neuen der Menschen; die Zwerge waren nur an Eisen und Kohle für ihre Schiffe interessiert, die Menschen hingegen freuen sich mehr ob des hiesigen Silbers. Näher am Meer ist Eschaton der Landwirtschaft hold; die Bauern bringen grosse Erträge ein, die sich seit jeher in den grossen Reichtum der Herren Gehennas verwandeln.

Die Besiedelung Eschatons geschah, als in Valerien der Krieg tobte, der das Imperium gebar. Kyrchamon war ein Aristokrat aus Atyersus, verbannt ob seiner Machtgier; er landete auf Eschaton und unterwarf die wenigen Kanderländer, die bereits hier siedelten. Dann nahm er sich den Titel „Seeherr“; das Land Eschaton interessierte ihn nur als Zulieferer für seinen Hafen und seine Schiffe, und so hielten es auch auch seine Nachkommen. Um das Land zu bewirtschaften, kaufte Kyrchamon mit dem Silber Eschatons die Sklavenmärkte in Atyersus und Kerjesh leer; zu Tausenden liess er die Gekauften nach Eschaton bringen. Er gab ihnen Freiheit dem Namen nach und hiess sie, sich Land zu nehmen, es zu bebauen und sich zu vermehren. Und er erliess Gesetze, die deutlich zeigen, worum es ihm ging: Die Steuern auf Eschaton waren schon immer so hoch wie nirgends sonst im Grenzgürtel, und sie müssen bezahlt werden in Zedernholz, Wolle und Hanf für das Schiffe gebärende Gehenna. Es ist bei Todesstrafe verboten, zu wenige Kinder zu haben; eine Bäuerin, die bis zu ihrem dreissigsten Sommer nicht zehn Kinder geboren hat, wird hingerichtet, ebenso ein Bauer, der bis zum seinem vierzigsten Jahr nicht fünf erwachsene Nschkommen vorweist.

Die Scheinbefreiten taten wie verlangt. Sie siedelten, vermehrten sich und lieferten die Grundlage für die mächtige Flotte der Seeherren. Die Bauern sind ein sauertöpfischer Menschenschlag, abweisend und wortkarg. Dem Reisenden auf Eschaton begegnet jenseits von Gehenna allüberall ein Mangel an Gastfreundschaft und ein Überschuss an Misstrauen; kaum jemand reist hier denn die herzlosen Steuereintreiber. Das gebeugte Volk ernährt sich hauptsächlich von einem gräulich-schleimigen Haferbrei, der wie modriges Sägemehl schmeckt. Hat man Glück, wird dazu ein Apfel, eine Ecke Käse, etwas Stockfisch oder gar eine Prise Salz gereicht, an Festtagen vielleicht auch das zähe Fleisch alter Schafe. Die Eschatoner folgen dem eigentümlichen Kult der Epsis Endregin, der apathischen Fatalismus lehrt – und die Eschatoner sind darin hervorragende Schüler. Mit Gleichgültigkeit bezahlen sie die horrenden Steuern, mit Schicksalsergebenheit unterwerfen sie sich der Seeherren tyrannischem Gesetz.

Von Gehenna führt in gerader Linie die alte Zwergenstrasse nordwärts. Sie überquert die ganze Insel; kaum eine Kurve kennt sie, und in den Bergen verläuft sie durch lange Tunnel. Sie ist der Wunschtraum jedes Fuhrmannes: durchgehend gepflastert und mit Wasserrinnen zu beiden Seiten und sanften Steigungen. Die Minensiedlungen der Zwerge lagen an ihren Seiten, und bis heute ist sie die einzige gute Strasse im Landesinnern. An ihrem nördlichen Ende liegt der kleine Hafen Germadim, der als Stützpunkt für eine mürrische Söldnerkompanie dient. In wessen Sold sie stehen, was sie hier tun, warum die Herren der Insel sie gewähren lassen – ich vermag es nicht zu sagen. Nicht länger als unbedingt nötig verweilte ich an diesem trostlosen Ort voller gelangweilter bezahlter Mörder, misstrauisch und feindselig gegenüber jeglicher Frage.

Etwas Zeitloses liegt über der gleichgültigen Eintönigkeit der Gemeinen Lebens, und wie in Gehenna mag man das Ereignis Eschaton für eine Weile vergessen. Doch auch im Inselinnern kann man unversehens daran erinnert werden: An jeder Stelle auf Eschaton mag man unversehens auf einen Kriegsacker stossen, einen jener Orte, wo Föderierte und Imperiale sich mit besonderer Inbrunst töteten. Die imperialen Sieger machten sich danach nicht die Mühe, all ihre oder ihrer Feinde Tote zu bestatten. Ohne Warnung mag sich der Wanderer auf Eschaton inmitten von halb verwesten Leichen finden, von wilden Tieren abgenagter Knochen, versteckt in hohem Gras oder offen auf felsigem Grund, umgeben von den rostenden Werkzeugen ihres Todes. Beklemmende Stille liegt über diesen Orten, und wer sich in einem Kriegsacker wiederfindet, der mag sich wundern, dass er den fürchterlichen Gestank nicht schon von Weitem bemerkte. Elf Priesterinnen der Epsis haben während der Schlacht von Eschaton pausenlos gebetet, und ihrem inbrünstigen Glauben allein entsprang das Wunder, dass keiner der Toten sich durch Sutekhs Gabe erhob. Doch auch so werden die Kriegsäcker heimgesucht von den Geistern der Toten; schon bei Tage zerren halb gehörte Schreie im Wind und das eingebildete Blitzen alter Waffen im Augenwinkel an des Tapfersten Nerven. Wer sich gar des Nachts auf einen Kriegsacker wagt, der mag als brabbelndes Wrack wiederkehren oder auch gar nicht. Eine der elf Priesterinnen, Mutter Olaumea, weilt bis heute auf Eschaton, zusammen mit ihrem Bruder, dem Aropriester Owoko; beide arbeiten mit heiliger Unermüdlichkeit daran, den Toten auf den Kriegsäckern eine göttergefällige Bestattung und friedliche Ruhe zukommen zu lassen. An anderer Stelle soll mehr erzählt werden von ihrem Werk inmitten jener schrecklichen Stätten.

Seit Menschengedenken war der Blick der Herrscher Eschatons, ob Seeherren oder Imperiale, aufs Meer gerichtet, die Insel glaubten sie stets fest in ihrer Hand. Dem unvoreingenommenen Auge aber enthüllt sich, dass ihre Macht nur oberflächlich ist und weit weniger tief verwurzelt denn sie glauben. Die Kriegsäcker sprechen Zeugnis dafür, und die Sauplage trägt es bis ins stolze Gehenna. Die meisten der zahllosen Minen und Höhlen warden nie erforscht, ihre Ausdehnung ist unbekannt; glaubt man den Worten der Bauern, so sollen sie sich erstrecken bis ins Jenseits oder gar bis Ausserhalb. Goblins und Ghule sollen in ihnen umgehen und auch Dämonen und namenlose titanische Schrecken. Tatsächlich verschwinden immer wieder Bewohner Eschatons spurlos; die Bauern tragen dies mit der üblichen tumben Schicksalsergebenheit, ihre Herren ignorieren dies mit der üblichen meergerichteten Arroganz. Auch sprechen manche mit zögernden Worten davon, dass die Kriegsäcker ihre unheimliche Präsenz ausdehnen, dass sie wachsen würden. Präsentiert sich auch die Insel Eschatons ruhig und geordnet des Besuchers Blick, scheint das vergangene Ereignis Eschaton auch ihre Gegenwart wie Zukunft zu dominieren, so mag sich vielleicht doch noch weisen, dass sich hier noch andere, unbekannte und ungebändigte Kräfte finden, dass des Menschen Herrschaft über Eschaton nicht auf festem Fundamente ruht.“

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