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findigmond

Findigmond


Aro ist der Gott der Weisheit und der Einsicht; da aber nur eigene Erkenntnis zu wahrhafter Weisheit führen kann, leitet er die Menschen nicht nur an auf der Suche nach Wissen, sondern versteckt auch die Geheimnisse der Welt vor ihnen. Nur so ist dem Streben nach Weisheit überhaupt Erfolg möglich.

Dem Vorbild des Fürsten Aro folgen auch seine Priester, etwa mit dem alten Brauch des Findigmondes: In manchen Nächten nimmt Aro, der kleinere und unregelmässige der beiden Monde, eine rote Färbung an; niemand vermag vorherzusagen, wann dies das nächste Mal der Fall sein wird. Dieses Ereignis ist der Findigmond, und in seinem Lichte schleichen die Priester des Aro aus dem Tempel in die Stadt hinaus und verstecken allerlei Dinge aus dem Findigzeug. Jeder Tempel unterhält eine solche Sammlung von Objekten, die in den Besitz des Tempels gelangten, oft durch Spenden. Alles mögliche kann sich darin finden, Kleider und Schmuck etwa, aber auch Ausgefalleneres wie Landkarten, Sextanten oder gar Mechanika. Ein roter Faden wird um sie geknüpft, um sie als Findigzeug zu markieren.

Das Findigzeug wird von den Priestern an öffentlichen Orten versteckt, am liebsten an leicht einsehbaren, aber selten beachteten Stellen, etwa unter Hausgiebeln oder auf Simsen über Augenhöhe. Wer das Findigzeut entdeckt, der darf es behalten; der rote Faden ist dafür Grund genug. So werden jene belohnt, die aufmerksam auf ihrem Weg sind.

Häufig wohnt dem Findigzeug noch ein weiteres Rätsel inne. So mögen in einen Umhang einige Münzen eingenäht sein, eine Schatulle kann nur geöffnet werden, wenn die Reime darauf entschlüsselt sind, oder eine Karte führt tatsächlich zu einem grösseren Schatz. Auch Schlüssel zu leerstehenden Gebäuden fanden sich schon unter Findigzeug und machten ihren Finder über Nacht zum Hauseigentümer – wenn er seine neue Immobilie denn finden konnte.




Über die Herkunft dieses Brauches berichtet eine Legende aus Cyranc:

„Lange hatte Herzog Bergaq geherrscht, und ein gerechter und guter Herrscher war er gewesen. Aber auch er ward alt und sah seinen Tod nahen, und er hatte keinen Erben, denn all seine Kinder war gestorben an der Blutigen Rotz. Dies bedrückte ihn sehr, und lange sann er nach über einem Weg, einen würdigen Nachfolger zu finden. Schliesslich entschied er, sich auf des Fürsten Aro weises Urteil zu verlassen.

Also liess er einen Priester Aros zu sich kommen und beriet mit ihm, was zu tun sei. Der Priester sprach: „Aufmerksam muss ein Herrscher sein und sich aller Dinge bewusst; recht handeln muss er, und Glück braucht er auch. Gib mir deine Krone, Herzog, und ich will sie an einen Ort bringen, wo sie jeder sehen kann, doch wo nur der Aufmerksame sie erkennt. Und wenn jener, der die Krone findet, sie zurückbringet, so erkennen wir seine Rechtschaffenheit, und er soll dein Nachfolger werden. Wir wollen dem Fürsten Aro vertrauen, dass er über dies Tun wache und alles zum Guten lenke.“

Herzog Bergaq gab dem Priester seine Krone, und dieser schmuggelte sie in tiefster Nacht aus dem Palast; rot schien dabei Aro auf die Welt hernieder. Die Krone setzte der Priester auf das Haupt der Statue von Herzog Rodegart, welche da steht auf dem grossen Platz vor dem Palast. Auf jenem Platz herrscht jeden Tag geschäftiges Treiben, und alle wichtigen Leute kamen dahin und sahen die Statue, doch keiner achtete ihrer. Erist als die Sonne schon tief stand, da erblickte eine junge Blumenverkäuferin die Krone. Neugierig kletterte sie hoch auf der Statue Sockel und nahm die Krone an sich. Sie überlegte, was damit zu tun sei, und endlich fiel ihr Blick auf den Tempel des Fürsten Aro. Dorthin ging sie und übergab die Krone dem Priester, und sie sprach: „Priester, ich fand dies auf dem Haupt von Herzog Rodegart, und ich weiss nicht, wem sie gehört, doch kaum einer steinernen Statue. Bitte, nimm die Krone und finde ihren wahren Besitzer und gib sie ihm zurück.“

Der Priester aber sprach: „Schon gefunden habe ich ihren Besitzer, und geben will ich sie ihm gerne.“ Und er setzte die Krone auf des Mädchens Haupt und brachte sie zu Herzog Bergaq. Der Herzog freute sich sehr, und bald darauf verschied er mit einem Lächeln. Die Blumenverkäuferin aber staunte sehr und zauderte, denn sie war keine grosse Dame und wollte nicht herrschen. Der Priester aber sprach: „Der Fürst Aro hat deine Schritte gelenkt hin zu dieser Krone. Wenn er entschieden hat, du sollest sie tragen, dann bist du ihrer gewiss würdig, und es wäre eine Sünde, an des Fürsten Aro Urteil zu zweifeln.“

Da nahm die Blumenverkäuferin die Krone und wadr Herzogin von Cyranc. Ihr Name war Noelda, und sie war gütig und gerecht und ward von ihren Untertanen sehr geliebt.“

findigmond.txt · Zuletzt geändert: 2018/07/29 18:17 von 127.0.0.1