Der Finsold
„Der Legionaer, der da gedienet hat der Jahre zwey mal fünffe, der solle erhalten als final Sold vom fruchtbaren Lande zwei Acker, und ito soll genühgen zu nähren den Mann und seyn Weib und seyne Kegel.“
- Aus der Lex Legionae
Einst konnte jeder Legionär nach zehn Jahren Dienst, wenn er des Soldatenlebens müde ward, den Finsold nehmen: vor den Senat in Valeor treten und seine letzte Belohnung erhalten. Abduramas der Weise selbst entwarf das Gesetz, wonach jeder Legionär nach zwei Dienstzeiten Land erhalten sollte, damit er eine Familie gründen und ohne Armut leben könne, und es war lange Zeit der einzige Artikel in der Lex Legionae, welchen Senat und Soldaten gleichermassen hochhielten. Nach zweihundert Jahren aber herrschte in Valerien scheinbar Frieden, der Dienst in den Legionen ward nicht mehr so hoch geschätzt, und freies Land gab es kaum mehr. Die Senatoren, häufig selbst im Besitz gewaltiger Ländereien, waren nicht mehr willens, angemessenen Finsold zu verteilen. Wenn noch ein Veteran den Finsold nehmen wollte, dann wurde er vor dem Senat schroff abgefertigt, verhöhnt und mit kargem Land im Gebirge oder in der Wüste abgespeist. Der Finsold war der Mühe nicht mehr wert, und bald forderte ihn keiner mehr ein.
Ein einziges Mal nur wurde in den letzten hundert Jahren der Finsold genommen, im Jahre 299 VA. Die gesamte 8. Kompanie der VIII. Legion, die gerade dreizehn Jahre in Kanderland gegen Waldschatten gekämpft hatte, reiste heimlich nach Valeor, und in einem Handstreich besetzten sie den Senat. Niemand durfte das Gebäude mehr betreten und verlassen, bis die Veteranen alle ihren Finsold erhalten hätten. Natürlich weigerten sich die Senatoren zunächst und hofften auf Hilfe von aussen; es kam zu einigen Handgreiflichkeiten, einem besonders arroganten Senator aus Tirensis wurden mehrere Zähne ausgeschlagen, und eine Büste von Senator Volorin (amtierend 79-92 VA, bekannt für seine siebzehnstündige Rede über die Gefahr durch die gemeine Reblaus) ging in die Brüche. Schliesslich verfielen die Senatoren auf eine Lösung: Sie überliessen den Veteranen die gesamte Insel Egredo im Grenzgürtel, mehr als genug Land für die Kompanie. Egredo wurde seit einigen Jahren vom Imperium beansprucht, war aber immer noch zum grössten Teil besetzt von Orks. Die 8. Kompanie nahm ihren Finsold an, reiste unverzüglich nach Egredo, vertrieb die Orks und gründete die Stadt Oct. Ihre Söhne kämpften übrigens im Krieg mit Entschlossenheit und Heldenmut gegen das Imperium.
Nach der Besetzung durch die 8. Kompanie wurden rund um den Senat bewaffnete Wachen aufgestellt,
die jeden Legionär fernhalten sollen; die Senatoren konnten sich allerdings nicht dazu überwinden, den entsprechenden Artikel aus der Lex Legionae zu streichen. So ist es immer noch möglich, wenn auch ausserordentlich schwierig, den Finsold zu nehmen. Es war ein empörtes Geschrei in ganz Valeor, als der Hjorgenskor 307 vor den Senat gerufen wurde und es nur schon wagte, das Wort „Finsold“ in den Mund zu nehmen. Nun aber, da das Imperium über riesige neue Länderein im Grenzgürtel verfügt, kann man wohl erwarten, dass bald wieder Finsold gegeben wird…
