Gatruush
„Du magst soviel Gold und Silber besitzen wie der Imperator, wenn du nur einen Löffel hast, dann bist du ein armer Mensch.“
– Gatruusher Sprichwort
Ein gatruusher Veteran erzählt:
„Meine Heimat ist an der Akra, ein kleines Dorf ohne Namen. Mein Vater verstand sich gut auf Hunde und hatte drum viele Löffel, einen sogar aus Bein. Ich war der zweite Sohn und hatte auch zwei Schwestern. Meine Eltern hätten gerne mehr Kinder gehabt, aber sie waren halt leibeigen, und der Herr hat's nicht erlaubt. Dafür mussten wir nur einen Viertel abgeben von unseren Äpfeln. Meine Mutter starb in einem schlimmen Winter, da war ich noch recht jung. Drum bin ich bei Nachbarn aufgewachsen, jedes Jahr bei anderen.
Du weisst, wie's ist: Der erste Sohn ist fürs Land, der zweite für den Krieg. Der Herr nahm mich drum unter Waffen und mit nach Norden, da hatte ich erst drei Löffel. Im Sommer kämpften wir mit den Skaar gegen Orks, im Winter manchmal gegen die Skaar und immer gegen die Reiflinge. Der Herr war ein guter Anführer, er schickte uns nicht mehr in den Tod als nötig. Dreimal hat er uns nach einem Sieg Löffel geschenkt, einen sogar aus Stahl. Dann kam der grosse Krieg, und wir kämpften im Osten gegen die Blutigen Hände. Als Archon Carvallus im Süden landete, gingen wir dorthin. Wir haben niemals schlimmere Feinde gehabt als die Bastarde, das war ein dreckiger Kampf. Der Herr fiel, wir wurden gefangen genommen, und sie haben uns an die Kompanie verkauft. Die liessen uns in einer Mine schuften, fast zwei Jahre lang. Dann verlor ich bei einem Einsturz meine Hand, und weil du mit nur einer Hand nicht hart genug arbeiten kannst, haben sie mich davongejagt.
Jetzt bin ich auf dem Weg nach Hause. Der Sohn vom alten Herrn ist jetzt dort der Herr, und ihm gehöre ich nun. Wahrscheinlich wird er mich auch davonjagen, weil ich ein Krüppel bin, und dann muss ich wohl doch noch Räuber werden. Aber wenn ich zu Mütterchen Akra zurück komme, dann bin ich zufrieden. Schade nur, dass die Kompanie mir meine Löffel nicht zurückgegeben hat.“
Aus den Aufzeichnungen Olcurs des Reisenden:
„Die grösste Insel des Grenzgürtels ist auch eine der wildesten und gefährlichsten: das sagenumrankte Gatruush mit den endlosen gelben Weizenfeldern, den dunklen Wäldern und den eisgefangenen Bergen. Von der Müundung der Akra bis zum ewig gefrorenen Reiche Belzhax' erstreckt sich Gatruush, und seine Bewohner sind so mannigfaltig wie seine Landschaften. Doch soll hier nicht die Schrift sein von Skaar, Orks und Reiflingen, sondern von jenen Menschen, die gemeinhin Gatruusher genannt werden, und von der Region, die sie bewohnen.
Von den einstigen Herrschern der Insel, den Elfen, zeugt nur noch zweierlei: Die Ruinen ihrer Städte dienen heute einzig Orks als Behausung, den Menschen gelten sie als verflucht; das Blut ihrer Pferde hingegen soll sich noch immer in den gatruusher Pferden finden, den schnellsten und edelsten der Menschenheit.
Die ersten menschlichen Schiffe, die Gatruush anliefen, gehörten zur Handelskompanie, und die Schiffsmeister erkannten sofort den Wert des Landes. Die Erde auf der weiten Akra-Ebene ist fruchtbar wie nirgends sonst, das Eisenerz in den Bergen und Hügeln von höchster Güte, und in den Wäldern finden sich Tiere mit feinsten Pelzen. Alles, was fehlte, hier ein Vermögen zu machen, waren billige Arbeitskräfte; diese fand die Handelskompanie in Odronost, dessen Klima jenem Gatruushs ähnelt. Die Kompanie kaufte dort tausende Leibeigene frei gegen das Versprechen, nach Gatruush zu fahren und hier diese Schuld zu begleichen – mit Zinsen und Fahrtkosten, versteht sich. Einigen der Neusiedler gelang es tatsächlich, ihre Schuld abzuarbeiten, die meisten aber machten gerade genug Ertrag, die Zinsen zu begleichen. Jene, die von ihren Schulden freikamen, begannen bald, die Schulden anderer Siedler aufzukaufen und warden so zu Grossgrundbesitzern mit eigenen Leibeigenen. Dies ist die bittere Ironie der Gatruusher: Sie verliessen Odronost, um der rigiden Ständeordnung zu entkommen, und errichteten sie doch innert einer Generation neu.
In den meisten Belangen imitieren die neuen Aristokraten Gatruushs die Adligen Odronosts – mit einer wesentlichen Ausnahme: Ist in Odronost nichts wichtiger denn die Blutlinie, so gilt in Gatruush nur Tüchtigkeit, welche sich in noblen Fähigkeiten wie Reiten, Tanzen, Musizieren und Fechten, aber auch in geschäftlichem und kriegerischem Erfolg ausdrückt. Der Krieg wider das Imperium war ihnen eine willkommene Gelegenheit, ihr Können zu beweisen, und keine anderen föderierten Landtruppen waren gefürchteter denn die Gatruusher Kavallerie. Wie der Adel Odronosts gelten die Aristokraten Gatruushs auch als prunksüchtig, eitel und arrogant.
Immerhin kümmern sich die Grundbesitzer in Gatruush weit besser um ihre Untertanen denn in Odronost, was sich schon in der Kleidung zeigt, genauer in den warmen Pelzen, die hier jeder besitzt. Es gilt als wichtige Aufgabe des Landherren, dass niemand auf seinem Grunde friert, und so besitzt selbst der elendeste Leibeigene des ärmsten Aristokraten einen Pelzmantel, um den ihn jede Händlersgattin in Gehenna beneiden würde. Wessen Leute frieren, der findet auf Gatruush nur Verachtung.
Ein gutes Mahl auf Gatruush muss drei Eigenschaften haben: Es muss sehr heiss sein und sehr salzig und sehr viel; daneben ist es vor allem eine Gelegenheit, die eigenen Löffel zu zeigen. Denn davon sind die Gatruusher geradezu besessen: Es ist auf Gatruush Brauch, dass man zu wichtigen Riten und Ereignissen im Leben Löffel geschenkt erhält. Den ersten erhält jedes Kind schon bei der Geburt von seinen Eltern, weitere von Verwandten und Freunden dann zum siebten und elften Geburtstag, zum Erreichen des Erwachsenenalters, zur Verlobung, zur Heirat, zum Abschluss einer Lehre, zur Geburt eines Kindes… Die Grösser einer Löffelsammlung zeigt daher nicht nur das Alter, sondern fasst auch Erreichtes und Ansehen in der Gemeinschaft zusammen. An Material, Form und Verzierung eines Löffels kann ein Gatruusher erkennen, zu welcher Gelegenheit er verschenkt wurde. Auf Reisen werden selbstverständlich alle Löffel mitgeführt, und manch einer trägt einen besonders lieben oder wertvollen Löffel wie ein Amulett um den Hals. Es gilt übrigens als grosse Schande, einen Löffel für sich selbst zu kaufen, und Löffeldiebstahl wird mindestens mit Handabhacken bestraft.
Das Herz Gatruushs schlägt in Mütterchen Akra, wie der grösste Fluss oft genannt wird. Breit und ruhig fliesst sie, und ihrem Beinamen „die Goldgesäumte“ machen die endlosen Weizenfelder an beiden Ufern alle Ehre. Sie wird als Göttin verehrt, als Dienerin der Königin Epsis; es heisst, Mütterchen Akra könne jedes Leid heilen, das die Seele heimsucht. In der Tat wirkt ihr leises Gurgeln zugleich beruhigend und ermutigend. Die Orks hingegen hassen die Akra ausdauernd; mit ansonsten unorkischer Heimlichkeit dringen sie immer wieder in kleine Trupps bis zu ihr vor, um Blase und Darm in den Fluss zu entleeren. Werden sie von den Gatruushern entdeckt, endet ihr Vorstoss besonders blutig.
Die Akra mündet in einem breiten, seichten und ständig veränderlichen Delta ins Meer; es ist unmöglich, zu entscheiden, wo das Wasser endet und das Land beginnt, und die Uferlinie bewegt sich von Tag zu Tag und Stund zu Stund. Ein Felsplateau markiert den letzten festen Abschnitt des Akraufers; auf ihm steht Akragrad, die grösste und wichtigste Stadt der Gatruusher. Hier findet sich ein reiches Kulturschaffen, das selbst den blasiertesten Triesti beeindrucken würde. Besonders berühmt ist Akragrad für seine getanzte Oper, 'Ballett' genannt. Die Akragrader Akademie gehört zu den feinsten Lehrstätten für geschriebene Kunst und Mathematik gleichermassen, und das Haus der Dunklen Spiegel, der hiesige Tempel des Aro, soll Antworten auf Fragen hüten, die noch niemand gestellt hat. Krestjok, der Hafen von Akragrad, liegt nicht bei der Stadt selbst, sondern einige Meilen entfernt auf einer Insel vor der Akramündung; jenseits davon ist das Wasser so tief, dass hier auch Hochseeschiffe anlegen können. Waren, die auf flachen Booten die Akra hinunter kommen, werden hier für den Transport nach Melweth, Elfentor und Valerien umgeladen.
Auch heute noch kontrolliert die Handelskompanie weite Gebiete, vor allem im Osten der Insel. Im Krieg verlor die Kompanie allerdings viele Besitztümer an die föderierten Gatruusher. Nun fordert sie zwar diese Gebiete zurück, doch gibt es da ein nicht unwesentliches Problem: Die eigentlichen Landbesitzer wurden getötet, und das gatruusher Erbrecht ist nicht nur absurd komplex, sondern auch noch dem Gewohnheitsrecht untergeordnet. Die imperialen Statthalter hüten sich denn auch, sich in diesen Streit einzumischen, und die Kompanie hat bereits begonnen, mit Bestechung, Drohungen und regelrechten Kriegszügen verlorene Ländereien zurückzuholen. Ihr wichtigstes Werkzeug dabei sind die Söldner der Blutigen Hände; es wird gemunkelt, das ganze Regiment soll bald wieder auf Gatruush zusammengezogen werden.
Die Beziehung der Gatruusher zu ihren nördlichen Nachbar, den Skaar, ist zwiespältig: Einerseites sehen sie sich als Verbündete gegen gemeinsame Feinde; wenn die Sommerprinzessin in Vadraborg zu einem Feldzug wider Orks oder Reiflinge ruft, versammeln sich nicht nur die Krieger der Skaar, sondern auch Regimenter der Gatruusher. In der warmen Jahreshälfte treiben Gatruusher und Skaar zudem regen Handel. Doch kommt der Winter, zeigt sich oft ein gänzlich anderes Bild: Skaarstämme in Not wenden sich gerne nach Süden, um durch Raub ihr Überleben zu sichern. Die Gatruusher wissen, was sie davon zu halten haben, und an vielen Orten werden spezielle Vorräte angelegt, um Plünderer ohne Blutvergiessen abspeisen zu können. Letztes Jahr aber wurde bekannt, dass der Stamm der Vjedreskell ohne Not durch die gatruusher Lande zog und sich mehrmals solchermassen bezahlen liess. Die Sommerprinzessin verurteilte dies scharf, hat aber kein Recht, dem Einhalt zu gebieten. Die Gatruusher fürchten, dass anderen Stämme dem Vorbild der Vjedreskell folgen; mag sein, dass sie im nächsten Winter auf andere, blutigere Schutzmassnahmen setzen. Dem stets gespannten Bündnis zwischen Skaar und Gatruushern wird dies nicht dienlich sein.“

