Gelbwasser
Aus den Aufzeichnungen Olcurs des Reisenden:
„Zu den grossen Wundern des Grenzgürtels zählt jenes weite, kreisrunde Gebiet, welches wir Gelbwasser nennen; es verwundert nicht, dass sich vielerlei Erklärungen für seine Entstehung finden. Folgende Geschichte erzählen sich die Menschen jenes Archipels, wobei die Priester ihre Wahrheit bestätigen: Einst, als die Welt noch jung war und gänzlich von Wasser bedeckt, da setzte der Titan Urgmaggog seinen gewaltigen Kessel über ein Feuer unter dem Meere, um sich seine Suppe zu kochen. Während er noch wartete, dass die Brühe koche, kam der Herr Morenu des Weges und erschlug den Titanen, wie es seine Gewohnheit war. Als Urgmaggog ins Meer fiel, hob dies den Spiegel des Meeres, und sein Wasser lief über den Rand des Kessels und füllte ihn aus. Die Brühe verteilte sich im ganzen Meere, die festen Stücke aber blieben im Kessel und warden zu Inseln. Ein Rest der Suppe blieb am Grunde des Kessels zurück, und weil das Feuer unter dem Meer noch immer brennt, kocht sie immer weiter und steigt manchmal zur Oberfläche hoch.
Die Grauelfen hingegen erzählen, Gelbwasser sei der Ort, an dem die Sonne einst ins Meer sprang, um sich abzukühlen. Der Scholar Wenger vertritt die Ansicht, Gelbwasser sei einst ein Vulkan von immenser Grösse gewesen, welcher im Meer versank, vielleicht während des Kataklysmus, wahrscheinlicher aber schon davor. Sein Gewicht müsse so gross gewesen sein, dass es ihn unter Wasser gedrückt habe.
Wie auch immer das Archipel entstand: Gelbwasser ist einzigartig und nicht angemessen in Worte zu fassen. Das runde Gebiet von vielleicht siebzig Meilen Durchmesser wird begrenzt von Urgmaggogs Kranz (die Einheimischen belassen es meist bei der zungenschonenderen Bezeichnung „Kranz“), einem Kreis von Riffen, Untiefen und Klippen unter Wasser. Nur an wenigen Stellen ist der Kranz für Schiffe passierbar; die imperialen Navigatoren haben Kenntnis derer drei, doch besteht kein Zweifel, dass Einheimische noch einige weitere kennen. Innerhalb des Kranzes findet sich eine Myriade kleiner und kleinster Inseln, deren Zahl niemand nennen kann. Wenige von ihnen besitzen einen Namen, und noch weniger sind von Menschen bewohnt. Die grössten mögen einen Durchmesser haben von vielleicht acht Meilen und weisen alle einen kleinen Vulkan auf, manche erloschen, manche noch aktiv. Regen ist hier häufig und das Klima warm, und so sind all diese Inseln dicht bewachsen mit Pflanzen mancherlei Art, darunter auch die Mangroven, die nicht mehr an Land, sondern schon im Meer stehen – sofern man diese Unterscheidung überhaupt treffen kann, ist hier doch selten eine klare Trennung zwischen Land und Meer zu erkennen und häufiger ein gradueller Übergang.
Die Inseln sind oftmals von nur wenig Wasser getrennt voneinander, manchmal nur von schmalen Kanälen nicht breiter als ein Bach. Diese Kanäle zwischen den Inseln, gesäumt vom dichten Dschungel an jedem Ufer und durchzogen von Untiefen, bilden ein wahres Labyrinth, meist einfach „Gewirr“ genannt. Allüberall finden sich kleine Buchten, meist kaum mehr als Nischen, versteckt hinter einer grünen Wand. Selbst Einheimische entdecken in wohlvertrauten Wasserwegen immer wieder Unbekanntes.
Wäre diese üppige, von Leben strotzende Vermischung von Dschungel und Meer schon für sich alleine einzigartig, stösst der Reisende doch auch überall auf jene Merkwürdigkeiten, welche Gelbwasser in der ganzen Welt bekannt machten: Auf vielen Inseln scheint das Erdreich selbst bersten zu wollen vor Leben. Hohe Geysire spritzen Wasser mit unbändiger Kraft gen Himmel, aus Löchern im Boden steigt fürchterlich stinkender Rauch empor, in Mulden blubbert Schlamm aus eigenem Antrieb, und Quellen von unvergleichlichem Blau, umgeben von leuchtende Ringen in allen Farben des Regenbogens, bringen kochend heisses Wasser an die Oberfläche. Um solche Stätten herum ist das Land oft karg und verdorrt, wie aus weissem und gelbem Salze geschaffen, im starken Gegensatz zum üppigen Pflanzenwuchs ringsum. Und dieses Leben des Erdreichs ist nicht beschränkt auf das Land, sondern findet sich auch unter dem Meer: An einigen Stellen kocht das Wasser, an anderen entsteigen ihm üble Dämpfe, und an wieder anderen scheint es hauptsächlich zu bestehen aus Vitriol und allerlei gelösten Mineralien, die aus Löchern im Grund quellen. Fährt man durch das Gewirr, muss man allüberall auf den Inseln Feuer vermuten wegen des aufsteigenden Qualms, und unversehens findet man sich wieder in dichtem Nebel, der aus dem Meere steigt, oder das Wasser rund um das Boot beginnt zu sprudeln und spritzen und schäumen oder wird gelblich und übelriechend.
Nicht nur das Land, sondern auch das Meer strotzt vor Leben in Gelbwasser. Das Wasser nahe den Inseln ist brackig, weder salzig noch süss, und wimmelt von allerlei Getier, welches man ansonsten sowohl im Ozean als auch im Fluss finden mag: Schildkröten und Schlangen, Frösche und Krabben, und eine unermessliche Zahl an Fischarten, die man nirgends sonst kennt. Meereskrokodile leben hier, gewaltige Bestien von bis zu zehn Schritt Länge, und man erzählt gerne von König Lederbauch, einem uralten, bösartigen Krokodil von zwölf Schritt und ungewöhnlich hellgrauer Färbung, welches schon zur Zeit der ersten Siedler, vor mehr als sechzig Jahren, gesichtet worden ist und immer noch das Gewirr beherrscht.
Angeblich lebt im Gewirr verborgen auch eine Volk von scheuen Fischmenschen, doch habe ich niemanden gefunden, der tatsächlich schon einmal eine solche Nixe zu Gesicht bekam; ein jeder aber schwört, jemanden zu kennen, dessen Vetter oder Schwiegertante einst jemanden traf, welcher wahrhaftig einem solchen Wesen begegnete. Auch unheilvollere Geschöpfe sollen ihr Unwesen treiben im Gewirr, Dämonen und Geister und Unholde, welche unter der Erde hausen und des Nachts mit Dampf und Rauch an die Oberfläche emporsteigen, um Jagd zu machen auf einsame Seelen. In der Tat kennen die Bewohner Gelbwassers eine grosse Anzahl von Geschichten über derlei Kreaturen ebenso wie über finstere Eigenbrötler, welche versteckt im Gewirr leben und mit den Grossen Feinden im Bunde stehen.
Ein bemerkenswerter Fisch ist das Goldflossenblatt, welcher einen knappen Fuss lang werden kann und einem Halbmond mit Kopf und Schwanz ähnelt. Sein Leib ist von leuchtend gelber Farbe. Dieser Fisch lebt nahe von Vitriolquellen, und er vermag diese Flüssigkeit zu konzentrieren und in einer speziellen Blase einzulagern. Erfährt das Goldflossenblatt einen heftigen Schrecken, etwa durch einen hungrigen Räuber, so platzt diese Blase, und das Vitriol verteilt sich im Körper des Fisches und macht ihn gänzlich ungeniessbar. Kaum ein Tier versucht mehr als einmal, einen solchen Fisch zu fressen; nur die hinterhältige Muräne ist manchmal schnell genug, ein Goldflossenblatt zu töten, bevor es sich erschrickt. Auch einige geduldige Fischer kennen die Kunst, diesen Fisch lebend zu fangen, ohne ihm Todesangst einzujagen. Wird er dann schonend behandelt und so langsam in seinem Wasser gekocht, dass er nie merket, was ihm blüht, so wird er zu einer seltenen Köstlichkeit, sein Fleisch zart wie warme Butter und von delikatem Geschmack. Wehe aber dem Gaste, wenn dem Koch die Zubereitung misslingt! Noch einen Nutzen hat man übrigens von einem solchen Fische, ist doch seine Vitriolblase bei Alchemisten sehr begehrt.
Überhaupt haben die meisten Fische in Gelbwasser einen widerlich schwefligen Geschmack, ebenso wie alles andere Meeresgetier. Um sie dennoch geniessbar zu machen, werden sie stets mit der Fugeo gewürzt, welche auch Feuerbeere genannt wird. Sie ist eine kleine Frucht von gelber bis roter Farbe, deren Strauch im ganzen Archipel gedeiht. Sie ist von einer solchen Schärfe, dass sie dazu neigt, spontan Feuer zu fangen. Die Bewohner Gelbwassers verwenden sie in Unmengen und essen sie manchmal sogar roh, wovon meine Erfahrung einem Fremden dringend abrät. Auch die Feuersuppe, welche aus Fugeo und ansonsten ungeniessbar schwefligem Fisch besteht, sollte der Reisende vermeiden. Einige Gasthäuser nahe eines Hafens bieten Gerichte speziell für Fremde an, welche weniger rachenzerstörerisch gewürzt sind; sie sind nur sehr scharf. Die Fugeo wird auch getrocknet und als Gewürz nach Übersee verkauft. In kleinen Dosen ist es eine Bereicherung so manchen Gerichtes, und es erfreue sich auch in Valerien wachsender Beliebtheit.
Mag man ruhig von der Fugeo Herrschaft über die hiesige Küche halten, was man wolle, von ihrer anderen Verwendung kann man nur entzückt sein: Sie wird zerdrückt und zu einer Salbe verarbeitet, welche auf die Haut aufgetragen zwar zuert einige Irritation auslöst, dafür aber die ansonsten allgegenwärtigen Moskitos fernhält.
Die grösste Siedlung Gelbwassers ist Mommath; sie ist errichtet worden in jener Zone, da sich das Meer nicht weiss, ob es noch ist oder nicht. Erbaut ist die Stadt zum grössten Teil auf Pfählen; nur etwa ein Drittel der Gebäude steht auf trockenem Grund. Hölzerne Stege verbinden die hohen Gebäude, nicht nur direkt über der Wasseroberfläche, sondern oft auch in Höhe der oberen Stockwerke. Denn die meisten Häuser hier sind mehrstöckig, muss doch neuer Baugrund erst dem Meer abgerungen werden. Dies hat allerdings auch dazu geführt, dass einige Gebäude zu schwer warden für ihre Stützen und zu sinken begannen. Manche Häuser stehen nicht mehr auf Pfählen, sondern auf ihren überfluteten Erdgeschossen. Dieses Schicksal droht noch so manchem Hause, doch hält dies die Mommather nicht davon ab, immer neue Stockwerke auf bestehende zu setzen – wessen Heim gerade im Meer versinkt, der muss sich ja irgendwo ein neues schaffen…
Ein besonders dichtes und unübersichtliches Netz aus Stegen und Treppen auf vier Stockwerken durchzieht das Vergnügungsviertel am Hafen, welches jede Nacht überquillt von durstigen Seeleuten auf Landgang und einheimischen Vergnügungssuchern ebenso wie von jenen, die ihre Gelüste befriedigen: Schankwirten, Flüsterhändlern, Glücksspielbetreibern, Prostituierten, Zuhältern. Das ausgelassene Treiben wird erleuchtet von hunderten von farbigen Lampions, welcher Licht eine eigentümliche, unwirkliche Atmosphäre schafft.
Der Reisende in Mommath sollte unbedingt die Gasse der Schuhmacher besuchen, wo sich die Werkstätten der Lederarbeiter finden. Diese haben sich auf die Arbeit mit Krokodilleder spezialisiert; bekannt sind die Stiefel aus jenem Material, doch finden sich hier auch Gürtel, Taschen, Hüte, Mäntel und derlei mehr. Die Preise sind hoch, oft überrissen, doch die Waren sind stets von höchster Handwerkskunst und einzigartiger Beschaffenheit. Besondere Erwähnung verdienen die krokodilledernen Kürasse, welche man hier anfertigen lassen kann, und welche den Soldaten Gelbwassers im Krieg den Spitznamen „Lederbäuche“ einbrachten.
Die anderen Siedlungen Gelbwassers sind meist erbaut wie Mommath, auf Pfählen und Plattformen, doch niedriger und kleiner. Sie liegen oft versteckt im Gewirr, und man munkelt, die imperialen Truppen, welche in Mommath stationiert sind, hätten noch nicht einmal die Hälfte davon gefunden. Es verwundert nicht, dass das Archipel ein beliebtes Versteck ist für Schmuggler und Piraten; ihr Geschäft ist ein bedeutsames für die Wirtschaft ganz Gelbwassers. Auch die Jagd auf Krokodile ist sehr einträglich, zahlen die Ledermacher Mommaths doch zwei Dukaten und mehr für ein grosses Exemplar; dabei ist dieser Gelderwerb aber wenig überraschend äusserst gefährlich. Auch Vitriol und anderlei Alchemika können an manchen Stellen im Gewirr aus dem Wasser gewonnen werden. Es heisst, das hiesige Vitriol sei schlecht geeignet zur Erzeugung von Schiesspulver, aber von besonderer Potenz für andere Zwecke.“
