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Glas


Es beginnt harmlos: An Hand oder Fuss ist die Haut ungewöhnlich trocken. Nach einigen Tagen wirkt sie dünn und abgenutzt, wie Pergament, das zu oft abgekratzt wurde. Sie wird durchscheinend und beginnt sich zu verhärten, Nach etwa zwei Wochen ist sie gänzlich durchsichtig und fühllos und fühlt sich glatt, hart und kühl an – wie Glas. Spätestens jetzt ist klar, das hier jene gefürchtete Krankheit am Werk ist, welche „Vergläserung“ oder einfach „das Glas“ genannt wird.

Zu diesem Zeitpunkt ist es zumindest noch möglich, die Krankheit zu verlangsamen, indem das betroffene Körperteil amputiert wird. Es ist jedoch nur eine Frage der Zeit, bis sie wieder an einer anderen Stelle am Körper ausbricht, diesmal vielleicht an einem Oberschenkel, oder an der Brust oder – Niala bewahre! - im Gesicht.

Schreitet die Krankheit fort, so setzt sich die Veränderung fort und dringt immer tiefer ins Gewebe ein. Der Muskel unter der Haut wird gläsern und bewegungsunfähig, Adern und Venen verwandeln sich in gläserne Röhren, bis schliesslich selbst die Knochen zu Glas geworden sind. Keine Bewegung ist mehr möglich, kein Gefühl mehr vorhanden, und bei harten Schlägen zersplittert das betroffene Körperteil, was fast immer zum Verbluten führt, können die zerschlagenen gläsernen Blutgefässe doch kaum mehr geschlossen werden. Doch nicht nur in die Tiefe breitet sich Glas aus, sondern auch über die Hautoberfläche. Irgendwann sind alle Muskeln und Knochen davon befallen, nicht aber Herz, Blut oder Organe, die ihre Arbeit weiterhin fortführen. Das Endstadium ist nach acht bis zwölf Monaten erreicht, wenn der Befallene sich in eine gläserne Statue mit noch immer zirkulierendem Blut verwandelt hat. Und auch wenn er keine Nahrung mehr zu sich nimmt und keinen Atem mehr hat, so schlägt das Herz doch unbeirrt weiter, scheinbar auf ewig. Die wenigstens Kranken jedoch erreichen dieses Stadium: Die meisten zersplittern vorher oder nehmen sich selbst das Leben.

Das Glas scheint nicht ansteckend zu sein, und seine Ursache ist nicht bekannt. Viele Leute glauben, die Krankheit sei eine Strafe der Götter, und in abergläubischen Gegenden werden vom Glas Befallene oft verbrannt. Kein Heilmittel ist bekannt.

glas.txt · Zuletzt geändert: 2018/07/29 18:17 von 127.0.0.1