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Das Horgenhilting


27 Tage nach dem Sommerequinox findet in manchen Tempeln des Herrn Morenu ein Fest statt, welches äusserst beliebt ist bei den einfachen Gläubigen und den orthodoxen Priestern, aber verabscheut wird von den Modernisten. Dieses Fest ist das Horgenhilting, von seinen Feinden auch „das wüste Saufen“ genannt. Seinen Ursprung hat es in der Sage von Morenu und Horgenhil, welche wir unten wiedergeben. Der Kern des Horgenhiltings ist in der Tat ein Wetttrinken.

In den Tagen vor dem Horgenhilting kann sich jeder morenufürchtige Mann für das Wetttrinken anmelden, üblicherweise gleich vor dem Morenutempel. Das eigentliche Fest beginnt bei Sonnenuntergang damit, dass der Priester vor dem Tempel die Sage von Morenu und Horgenhil vorträgt. Dabei ist ihm die Form des Vortrages überlassen, und an einigen Horgenhiltings fanden schon aufwendige Inszenierungen statt. Während oder nach dieser Erzählung wird ein Stier rituell getötet und geschlachtet.

Danach betreten die Gläubigen den Tempel, in dem ein oder mehrere grosse Tische aufgestellt wurden. Die Trinker lassen sich daran nieder und erhalten einen grossen Krug mit Bier. Auf dem Tisch finden sich mehrere kleine Kerzen. Der Priester entzündet eine davon; ist sie heruntergebrannt, was meist etwa 15 Minuten dauert, muss jeder Trinker seinen Krug geleert haben oder aus dem Wettstreit ausscheiden (was in diesem frühen Stadium des Horgenhiltings Spott und Hohn zur Folge hat). Nach der ersten Runde erhalten alle Trinker eine brennende Fackel und müssen mit ihr um den Tempel laufen; wer die Fackel fallen lässt, scheidet aus.

Die zweite Runde läuft genau gleich ab, nur dass die Trinker diesmal einen Krug Wein oder Met leeren müssen. In der dritten Runde erhalten sie dann einen Krug mit Fruchtbrand, und meist wird dafür eine etwas grössere Kerze verwendet. Danach folgt wieder eine Runde Bier, dann Wein, dann Brand, dann wieder Bier (wobei nur wenige Horgenhiltings bis in diese Runde gehen) und so weiter. Dazwischen muss stets der Tempel mit einer brennenden Fackel umrundet werden, was im Verlaufe des Festes oftmals zu bösen Verletzungen führt. Auch stehen immer einige Helfer mit Wassereimern bereit.

Der Sieger des Horgenhiltings ist der letzte Trinker, der nicht ausscheidet oder das Bewusstsein verliert. Das Trinken kann recht lange dauern; beim legendären Horgenhilting von 317 in Jellheim gewann der Hjorgenskor, weil er als einziger nach der 15. Runde noch aufstehen konnte.

Rund um die Trinker herrscht unterdessen stets ausgelassene Fröhlichkeit. Das Fleisch des Stieres wird im Verlaufe des Abends mit Bier und Gewürzen gekocht und an alle Anwesenden verteilt, und es gibt immer Freibier. Das Trinken selbst ist ein wahres Spektakel, auch wegen der zunehmend derben Beleidigungen, welche sich die Trinker traditionell zuwerfen. Prügeleien zwischen den Trinkern sind nicht unüblich, doch wer jemanden mit einer Waffe oder Fackel attackiert, der scheidet sofort aus.

Wenn die Sonne aufgeht, dann werden dem Sieger des Horgenhiltings Herz und Leber des geopferten Stieres vorgesetzt. Gelingt es ihm, dieses Frühstück zu verzehren und bei sich zu behalten, so ist ihm der Segen des Herrn Morenu sicher für ein Jahr oder auch länger, wenn er den Geboten des Sonnengottes folgt.




Morenu und Horgenhil


“Einstmals besass der grausame alte Titan Horgenhil einen mächtigen Stier, und der war sein grosser Stolz. Statt den Stier des Abends aber in einen Stall zu bringen, liess Horgenhil ihn frei laufen, und der Stier kam jede Nacht in die Dörfer der Menschen. Wild und kampfeslustig war der Stier, und er griff jeden an, der seinen Weg kreuzte. Der Stier tötete Kinder und Frauen und Männer und richtete grossen Schaden an und brachte grosses Leid.

In ihrer Not riefen die Menschen den Herrn Morenu an, und der Herr Morenu kam und erschlug den Stier. In der nächsten Nacht aber kam Horgenhil und holte Herz und Leber des Stieres, und Horgenhil vergrub sie unter einer Eiche und sprach sein Wort der Macht. Da sprang der Stier aus der Erde, ganz und lebendig. Wieder liess Horgenhil ihn frei laufen, und wieder kam der Stier in die Dörfer der Menschen und brachte Verheerung.

Erneut riefen die Menschen den Herrn Morenu an, und wieder kam der Herr Morenu und erschlug den Stier. In der nächsten Nacht aber holte Horgenhil erneut Herz und Leber des Stiers und vergrub sie unter einer Eiche und sprach sein Wort der Macht, und wieder sprang der Stier ganz und stark aus der Erde. Dieses Mal aber sass der geduldige Rabe in der Eiche und beobachtete alles. Geschwind flog der Rabe hoch in den Himmel und berichtete dem Herrn Morenu, was er gesehen. Da ward der Herr Morenu von grossem Zorn ergriffen, und er wollte vom Himmel springen und Horgenhil auf der Stelle erschlagen. Nur sein Versprechen, stets getreu und verlässlich über den Himmel zu gehen, hinderte den Herrn Morenu daran.

In der Nacht aber, als der Stier wieder frei lief, da wartete der Herr Morenu schon und erschlug den Stier. Dann schnitt der Herr Morenu Herz und Leber aus des Stieren Leib und ging mit ihnen zu Horgenhil. Der Rabe wies ihm den Weg.

Horgenhil war voller Furcht, als der Herr Morenu mit Ingrimm zu ihm kam und ihn zum Kampfe forderte. Mit listiger Zunge sprach Horgenhil: „Ich bin alt und müde; kein würdiger Gegner im Waffengang kann ich dir sein. Wenn du einverstanden bist, dies anders zu klären, dann will ich versprechen, nie wieder meinem Stier freien Lauf zu lassen. Ein gutes Bier habe ich in jenem Fass, und mit dir teilen will ich es. Und wer von uns beiden mehr davon trinken kann, der soll der Sieger sein und Herz und Leber meines Stieres erhalten.“ Nun war Horgenhil sehr trinkfest, und er hatte noch niemanden getroffen, der das Bier besser halten konnte als er. Den Herrn Morenu aber kümmerte das nicht, oder vielleicht wusste er nicht darum, und so nahm er die Herausforderung an.

Aus grossen Krügen tranken der Herr Morenu und Horgenhil, und sie tranken die ganze Nacht. Am Morgen war das Bierfass leer, und beide hatten sie gleich viel davon getrunken. Da wollte der Herr Morenu der Sache ein Ende machen und den Horgenhil erschlagen, aber der sprach: „Einen edlen Wein habe ich in jenem Fasse dort, und damit wollen wir heute Abend unseren Wettstreit fortsetzen.“ Der Herr Morenu war einverstanden, und er stieg in den Himmel hoch. An jenem Tage schwankte die Sonne leicht auf ihrem Weg über den Himmel.

Am Abend kehrte der Herr Morenu zurück zu Horgenhil. Sie tranken den Wein aus grossen Krügen, und sie tranken die ganze Nacht. Am Morgen war das Weinfass leer, und wieder hatten sie beide gleichviel getrunken davon. Neuerlich wollte der Morenu dem eine Ende machen und erschlagen den Horgenhil, der aber sprach geschwind: „Einen starken Brand haben in jenem Fasse da drüben, und damit wollen wir heute Nacht unseren Wettstreit zu Ende führen.“ Der Herr Morenu war einverstanden, und er stieg in den Himmel hoch. An jenem Tage torkelte und taumelte die Sonne auf ihrem Weg über den Himmel, dass den Menschen Angst und Bange ward.

Wieder kehrte der Herr Morenu am Abend zurück zu Horgenhil. Sie tranken den Brand aus grossen Krügen, und sie tranken die halbe Nacht. Dann aber hatte Horgenhil genug getrunken, und er fiel tot zu Boden. Da lachte der Herr Morenu laut und leerte den Brand und nahm Herz und Lunge des Stieres als seinen Preis. Um sicher zu stellen, dass der wilde Stier nie wieder die Menschen heimsuchen würde, verzehrte der Herr Morenu Herz und Leber zum Frühstück. Danach stieg er in den Himmel hoch, und an jenem Tage war der Sonne Gang fest und gleichmässig auf ihrem Weg.“

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