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ionderkamp

Ionderkamp


Aus den Aufzeichnungen Olcurs des Reisenden:

“Die Stadt Ionderkamp ward gegründet wegen einer Wette, soviel ist gewiss, die Einzelheiten der Geschichte aber variieren mit dem Erzähler. Manche sagen, Rugen von Ullborn hätte damit seine Wette gewonnen, andere, Ionderkamp sei entstanden aus dem Lager, von welchem aus er sich auf die Suche nach dem Lindwurm machte, dessen Tod die Wette galt. Bösere Zungen dagegen meinen, dass die Gründung Ionderkamps der Einsatz bei einer verlorenen Wette war. Wie dem auch sei: Niemand bezweifelt, dass Ionderkamp von Rugen begründet wurde, noch, dass dieser einen Lindwurm erschlug auf der gleichen Insel. Des Lindwurms mächtiger Schädel ziert heute noch die Aussenmauer des Ratshauses von Ionderkamp.

Die Insel, auf welcher sich Ionderkamp findet, misst wohl 15'000 Meilen im Quadrat, und doch fand es bisher niemand notwendig, ihr einen eigenen Namen zu geben. So wird sie denn zumeist ebenfalls mit 'Ionderkamp' bezeichnet, oder einfach mit 'die Insel'. Die Stadt Ionderkamp liegt an der Mündung des silbernen Flusses Wurmwasser, dessen Quelle im gebirgigen Landesinnern noch niemand entdeckt hat. Bei jener Quelle soll sich auch der sagenumwobene Hort des Lindwurms befinden. Ausser in der Gegend um Ionderkamp ist die Insel nur dünn besiedelt, und ihre Küste ist felsig und schroff. Die hohen Klippen erlauben nur an wenigen Stellen gefahrlosen Zugang ins Inland.

Ionderkamp ist eine Stadt mittlerer Grösse nach Massstäben des Grenzgürtels; in Valerien würde sie wohl als klein und bedeutungslos abgetan. Doch ist sie der grösste Hafen zwischen Gelbwasser und Eschaton und besitzt als einziger eine Werft, auf der auch grosse Hochseeschiffe trocken gelegt werden können. Da sich in einiger Nähe auch mehrere Pflanzerinseln finden, laufen viele Schiffe der Handelskompanie und auch aus dem Grenzgürtel Ionderkamp an.

Lange ward Ionderkamp regiert vom Maesta, der alle sieben Jahre von den Bürgern gewählt wurde. Im Krieg fiel Ionderkamp viermal an die imperiale Flotte, dreimal ward die Stadt wieder von Föderierten befreit. Bei der letzten Eroberung aber wüteten die erbitterten Imperialen schrecklich; der berüchtigte Admiral Eldargard dezimierte danach die Bevölkerung, und seinem Morden fiel auch der letzte Maesta zum Opfer. Heute steht Ionderkamp nominell unter imperialer Herrschaft, unter jener des Gouverneurs Suvrus und des Präfekten Merledik. Suvrus aber ist noch nicht einmal in Ionderkamp eingetroffen, sondern weilt bis heute in Elfentor und geniesst die dortigen Annehmlichkeiten, bezahlt mit Steuern aus seiner Provinz. Kapitän Merledik derweil ist damit zufrieden, den Hafen von Ionderkamp zu sichern; er kümmet sich kaum um den Rest der Stadt oder gar das Inland.

Das imperiale Desinteresse am Geschehen in Ionderkamp hat natürlich den Hass auf das Imperium nicht gemildert; er richtet sich vor allem gegen die unbarmherzige und gierige Flotte, aber auch gegen die hochmütige Handelskompanie. Um die Verwaltung der Stadt kümmert sich in Suvrus' Abwesenheit die Witwe des letzten Maestas, die Dame Lonnelind. Sie geniesst zwar die Unterstützung der Bürger und scheint eine Frau von aussergewöhnlicher Durchsetzungsfähigkeit und Klugheit zu sein, doch fehlt es ihr an den Mitteln, die letzten Schäden des Krieges zu beseitigen und in Ionderkamp für Ordnung zu sorgen. Überall in der Stadt kann man auf ausgebrannte Ruinen stossen, und die Stadtwache ist unterbesetzt und sah seit fünf Monaten keinen Sold mehr. Es verwundert daher nicht, dass in Ionderkamp Verbrecherbanden grosse Freiheit geniessen und einigen Einfluss besitzen.

Folgende Begebenheit mag illustrierend sein für die Begebenheiten in Ionderkamp: Vor dem Krieg überspannten drei Brücken den Wurmwasser, doch warden alle drei während des Krieges zerstört. Davon ward einzig die Rugenbrücke voräufig aus Holz wieder aufgebaut. Einzig den Anstrengungen der Dame Lonnelind war es zu verdanken, dass zumindest dieses notdürftige Konstrukt entstand. Kaum aber war die Brücke neu erstellt, da ward sie von imperialen Zolleintreibern besetzt, und sie wird bis heute von dieser Plage heimgesucht. Um zumindest freien Verkehr für die Bewohner Ionderkamps zu gewähren, haben sich Lonnelind und einige reicher Bürger zusammengetan und ein Stipendium eingerichtet, welches allen Ionderkampern die Überquerungen der Brücke bezahlt.

Denn es besitzen die Brücken grosse Bedeutung für Ionderkamp, wird die Stadt doch durch den wasserreichen Fluss in zwei Hälften geteilt. Am linken Ufer findet sich der grosse Hafen samt Werft und dem Markt für Fernhandel sowie das Händlerviertel, am rechten Ufer dagegen der Fischerhafen, der Fischmarkt und auch das Ratshaus gleich bei der Rugenbrücke. Kaum je betritt ein Imperialer das rechte Ufer, und wenn doch, dann geht er nicht weiter als bis zum Ratshaus. Ganz im Süden, auf der rechten Flussseite, steigt der Boden steil an, und an manchen Stellen ragen dunkle Klippen über die Stadt; in ihrem Schatten liegt das zynisch benannte Sonnenviertel der Armen, welches selten von der Stadtwache und nie von den Imperialen besucht wird.

Keine Beschreibung Ionderkamps wäre vollständig, ohne auf das bekannteste Erzeugnis der Stadt und ihrer Umgebung einzugehen: den Honig. Die Kanderländer, welche die Gegend zuerst besiedelten, brachten die Imkerei mit sich, und diese Kunst ward hier weiterentwickelt. Man findet in Ionderkamp eine erstaunliche Vielzahl verschiedener Geschmacksnoten beim Honig, manche eher erdig denn süss, andere derart süss, dass einem schwindlig wird. Den besten Honig sollen die gesegneten Bienen des grossen Tempels der Epsis produzieren, der eine halbe Tagesreise nördlich Ionderkamps liegt.

Die Ionderkamper verarbeiten den Honig auch weiter, und in der Stadt wird mehr Met getrunken denn Bier oder Wein. Auch Kerzen aus Bienenwachs sind sehr erschwinglich. Eine Besonderheit ist der Honigrum, den man nur in Ionderkampf herzustellen versteht; niemand mochte mir verraten, ob er tatsächlich aus konzentriertem Honig gebrannt wird oder aus Zuckerrohr und mit Honig verfeinert. Auf jeden Fall ist es ein Getränk von überraschender Süsse und hinterhältiger Stärke.“

ionderkamp.txt · Zuletzt geändert: 2018/07/29 18:17 von 127.0.0.1