Der erste Bastard: Die Geschichte von Lyete
Eine Legende des Tritheons:
„Gross war die Freude des Herrn Morenus und der Königin Epsis ob ihrer Hochzeit, und gross war die Freude der ganzen Schöpfung. Der Bund der Ehe war von grosser Kraft in jenen Tagen und noch nie gebrochen worden, und alle, die an ihm teil hatten, waren glücklich. Bald aber mussten der Herr Morenu und die Königin Epsis ihre Pflichten wieder aufnehmen, und sie warden getrennt durch das Dazwischen. Lange Jahre sollten vergehen, bis sie sich wiedersehen würden. Und derweil des Herrn Morenus Treue so unerschütterlich ist wie der Himmel selbst, so ist die Königin Epsis doch in derlei Dingen wankelmütig, auch wenn sie sonst von grosser Tugend ist.
Es lebte in jenen Tagen ein Barde, der grösste aller Sänger, dessen Lied schon Steine erweicht und Tote gerührt hatte. Dieser Barde setzte sich in den Kopf, den Mond zu werben und für sich zu gewinnen. So sang er der Königing Epsis in einer herrlichen Vollmondnacht sein Lied, und es war von grosser Macht. Die Königin Epsis aber stand fest zu ihrem Ehegelübde und wies den Barden ab. Doch der Barde liess sich nicht entmutigen, und er sang der Königin Epsis jede Nacht sein Lied, und er sang für niemanden sonst mehr, sieben Jahre lang. Und mit der Zeit wandelte sich der Herrin Epsis Sinn, und sie fasste Zuneigung zu dem Barden. So stieg sie eines Nachts vom Himmel herab und lag mit ihm.
Als des Morgens der Herr Morenu in den Himmel stieg, da sah er die beiden Liebenden noch immer zusammen liegen, und grosser Zorn kam über ihn. Vom Himmel herab stieg der Herr Morenu und erschlug den Barden, und lange war er noch ergrimmt ob diesem Geschehen. So kam der Ehebruch in die Welt, und die Ehe verlor viel von ihrem Zauber.
Die Königin Epsis aber ward bald schwanger, und sie erkannte, dass der Vater jener unselige Barde sein müsse. Da sie noch immer des Herrn Morenus rachsüchtigen Zorn fürchtete, gebar sie in dunkelster Nacht und verbarg ihre Tochter, den ersten Bastard, die sie Lyete nannte, was Lied und Erinnerung und Unglück bedeutet. Sie versteckte Lyete des Tages in einer Höhle und verbat ihr, diese verzauberte Zuflucht zu verlassen, derweil der Herr Morenu über den Himmel schreite.
Lyete gehorchte ihrer Mutter und wuchs heran zur Frau, ohne je das Licht der Sonne erblickt zu haben. Von grosser Klugheit und Wissbegier war Lyete, und sie lernte viel und ward eine grosser Heilerin. Ihr Lied konnte Krankheiten austreiben und Frauen leichte Geburt schenken und bösen Zauber bannen. Von den Menschen ward Lyete geliebt und in grossen Ehren gehalten.
Es kam der Tag, da Lyete einen Jüngling von grosser Schönheit und edlem Wesen erblickte und in Liebe zu ihm entbrannte, und auch er liebte sie. Sein Name war Ancurus, was Streben und Wehmut und Vergehen bedeutet, und er war ein Geschichtenerzähler von grosser Kunst. Eine Weile waren Lyete und Ancurus glücklich.
Eines Morgens aber ward Ancurus von einer Schlange gebissen und fiel nieder und drohte auf der Stelle zu sterben. Da eilte Lyete zu ihm, um ihn zu retten mit ihrem Lied, und dabei verliess sie den Schutz ihrer Höhle. So erblickte sie der Herr Morenu, und er erkannte den ersten Bastard, und grosser Zorn kam über ihn. Noch ehe Lyete zu ihrem Lied ansetzen konnte, kam der Herr Morenu über sie und erschlug sie auf der Stelle. Grosses Wehklagen kam da über die ganze Menschenheit und auch über die Königin Epsis. Nun bereute der Herr Morenu seine Tat, und bitterlich dauerte ihn der Tod des ersten Bastards. Denn er erkannte, dass Lyete keine Schuld trug am Tun ihrer Eltern, und dass es Unrecht war von ihm, sie dafür zu strafen; und auch den Tod des Ancurus durch das Gift hatte er verursacht mit seinem blinden Wüten.
Daher fasste der Herr Morenu den Geist der Lyete und den Geist des Ancurus, bevor sie ins Jenseits entschwinden konnten. Hoch in den Himmel stieg der Herr Morenu mit Lyete und Ancurus und setzte sie ans Firmament als das Sternbild der Liebenden, auf dass sie auf ewig vereint sein mögen, und dass die Königin Epsis auf ihrer Bahn der Tochter nahe sein möge. Der Herr Morenu schwur da, nie wieder die Kinder aus der Königin Epsis Untreue zu verfolgen, und getreu hielt er dies Gelübde. Der Königin Epsis' Geliebten aber setzte er weiterhin nach mit Ingrimm und Rachsucht.
Lyete und Ancurus stehen heute noch am Himmel, und in klaren Nächten kann man ihr fernes Lied vernehmen, wenn man aufmerksam hinhört. In solchen Nächten wirkt noch immer der Lyete Kraft in ihrem Lied, und leicht gebären dann die Frauen und die Kranken finden Linderung.“
