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Der melwether Tempeldachstreit

Die Stadt Melweth gilt als ruhigste und friedliches im ganzen Grenzgürtel, als Hort der Kultur und Heimstatt der Gebildeten. Fremde zeigen sich daher oft entsetzt oder amüsiert, wenn sie erleben, dass es auch in diesem Zentrum der Zivilisation ein Thema gibt, dass wohlhabende Händler, sanftmütige Künstler und bodenständige Handwerker gleichermassen schnell in eifrigste Erregung versetzt und innert Sekunden eine Rauferei auslösen kann in Gasthäusern, Palästen und auf offener Strasse. Bezeichnenderweise geht es dabei um eine kulturelle Frage, genauer um eine architektonische: um die Form des Daches auf dem Morenutempel.

Mit dem Bau des grossen Tempels des Herrn Morenu wurde schon im ersten Jahr nach Begründung des Königreichs Melweth begonnen. König Odranneton gab den Auftrag dazu zum Dank für die Führung durch den Goldalbatros, welche die Armatier nach Melweth brachte. Um dem Tempel eine eigene Note zu geben und die Verbundenheit mit den hiesige Elfen zu betonen, sandte Odranneton seinen Baumeister Creulon aus, die Architektur der Elfenschreine zu studieren. Der Tempel des Morenu sollte Elemente der eleganten elfischer Architektur widerspiegeln. Der Bau begann einige Jahre später und wuchs schnell mit schlanken Säulen und anmutigen Spitzbögen empor. Auf seinem Sterbebett noch soll Odranneton seine Zufriedenheit mit dem unvollendeten Werk wiederholt haben. Nach dem Tod Creulons übernahm dessen Sohn Leridius die Bauleitung und führte sie nach den Vorstellungen seines Vaters fort. 47 Jahre aber nach Baubeginn entsandte die Kirche des Herrn Morenu endliche einen Hohepriester nach Melweth, den Modernisten Cleothos. Dieser war wenig angetan von den elfischen Einflüssen des Tempels, er wünschte sich eine Morenuhaus nach valerischen Vorbildern. Da der Tempel bis auf das Dach fertig war, ordnete Cleothos nun an, dass der Tempel von einer goldenen Rundkuppel wie jener in Trieston gekrönt werden solle über einem Rundbogendach. Dies war für Leridius nicht annehmbar, er bestand auf einer weissen elfischen Spitzkuppel über einem Spitzbogendach. Es kam auf dem grossen Platz vor dem Tempel zu einem wüsten Streit zwischen den beiden, und bald ergriff die ganze Stadt Partei für die ein oder andere Seite.

Von Beginn an hatte der Tempeldachstreit auch eine politische Bedeutung: Eine Rundkuppel wurde hauptsächlich von jenen unterstützt, die sich eine stärkere Bindung Melweths an Valerien und das Imperium wünschten. Dazu zählten viele Händler mit guten Beziehungen zur Valerischen See und zur Imperialen Handelskompanie, und sie boten schnell einen grossen Vorrat an Gold an, um die Kuppel damit zu überziehen – „zum Ruhme der goldenen Sonne Morenu“, wie sie sagten. Jene hingegen, die möglichst wenig Kontakt zum Imperium haben wollten, befürworteten eine Spitzkuppel und pochten auf die Eigenheiten Melweths. Beide Seiten warfen ihren politischen Einfluss in die Waagschalen. Hitzige Wortgefechte wurden geführt, Freundschaften beendet, Duelle ausgetragen.

Der Streit dauerte drei lange Wochen an. Eine Weile lang schien gar die königliche Ehe wegen dieser Frage gefährdet: König Vulca II. neigte angeblich von Beginn an einer Spitzkuppel zu, seine Gattin hingegen, aus Tirensis stammend und den Modernisten freundlich gesinnt, setzte sich energisch für eine Rundkuppel ein. Schliesslich sprach der König ein Machtwort: Eine Spitzkuppel sollte gebaut werden, aber vergoldet und über einem Rundbogendach.

So ward die Kuppel endlich gebaut. Der Streit war nicht ganz vorüber, auf beiden Seiten gab es einige hartnäckige Partisanen, und immer wieder musste der König in seinen Audienzen ihre verbitterten Forderungen ablehnen. Insgesamt aber schien der schlimme Spuk mit des Königs Kompromiss beendet. Die Händler überliessen das angesammelte Gold dem Tempel.

Dann aber starb Cleothos, und ein neuer Hohepriester kam nach Melweth: Bors, den sie in Melweth den „Sturalt“ nennen, und um dessen Wundertätigkeit sich ebenso Legenden ranken wie um seine Streitlust. An seinem ersten Tag in Melweth entschied Bors, dass der Tempel des Herrn Morenu kein Dach brauche: „Der Herr Morenu wohnt im Himmel, und ein Dach würde ihn nur aus seinem eigenen Hause aussperren.“ Also ordnete er sogleich an, die halb vollendete Kuppel abzureissen.

Eine Aufschrei ging durch die Stadt. Eine Nacht folgte, in der niemand zu schlafen schien: Erregte Diskussionen und schüchterne Empörung bei Sonnenuntergang wichen wüstem Streit und offenen Raufereien um Mitternacht, als die alten Fronten des Tempeldachstreites wieder aufbrachen. Am Morgen hatten sich mehrere Mobs um den Tempel herum versammelt; die einen forderten, die Kompromisskuppel stehen zu lassen, andere verlangten von Bors eine Rundkuppel oder ein elfisches Dach. Die Arbeiter, die das Dach abreissen sollten, wurden unter bösen Drohungen am Zugang zum Tempel gehindert. Die Stimmung war angespannt und drohte jeden Moment in offenen Aufruhr zu kippen. Da stieg Bors selbst mit einer Spitzhacke auf das Gerüst am Tempel, als wolle er die Kuppel eigenhändig einreissen. Erst sahen die versammelten Leute nur ungläubig schweigend zu, wie der alte Priester schnaufend das Gerüst erkletterte und dann mit grimmiger Entschlossenheit auf das Dach einzuhauen begann; dann aber erhob sich ohrenbetäubendes Geschrei. Ein besonders aufgebrachter Händler stürmte vor und schleuderte einen Stein nach Bors. Das Geschoss schnellte hoch empor und hätte sein Ziel sicherlich getroffen und vielleicht in die Tiefe stürzen lassen, wäre nicht plötzlich eine Taube von ihrem Nistplatz in der Tempelfassade aufgeflogen, direkt in die Flugbahn des Steines. Das Geschrei verstummte und machte einer kurzen Stille Platz, unterbrochen nur von den hellen Schlägen der Spitzhacke. Dann begann die Menge zu raunen; ein Wunder müsse gerade geschehen sein, so war man sich allseits einig. Die Wut verebbte, die eine Hälfte der Empörten verlief sich schnell, die andere liess nun Bors hochleben und erkletterte dann das Baugerüst, um dem Hohepriester zu helfen. Dieser hatte keine Notiz genommen vom Geschehen und sich einzig auf das Einreissen des Daches konzentriert.

Noch am gleichen Tag ward die Kuppel eingerissen (der Abtransport des Schutts dauerte dann allerdings erheblich länger). Am Abend entschied Bors, das für die Kuppel gedachte Gold zum Wohle der Bedürftigen zu verwenden, für eine Suppenküche und eine öffentliche Schule. Zusammen mit den Ereignissen des Morgens trug ihm dies grosses Ansehen unter der einfachen Bevölkerung ein. Die goldspendenden Händler hingegen waren entrüstet, und einige Künstler mit einer Vorliebe für alles Elfische verbreiteten noch am gleichen Abend bissige satirische Gedichte, welche Bors „simplizistisch schlichten Sinn für Schein und Sein“ verspotteten und sich für eine Spitzbogenkuppel stark machten. König Vulca seinerseits reagierte gar nicht, wohl verärgert ob Bors eigenmächtigem Tun. In den nächsten Tagen tat auch Bors nichts, die Gemüter zu versöhnen; im Gegenteil, er beleidigte mehrere Bürger, die zu ihm kamen und sich für die ein oder andere Variante eines Daches einsetzen wollten. Einem biss er gar in den drohend erhobenen Zeigefinger.

Der Streit schwelte in den kommenden Jahren weiter, nahm aber eine neue Form an. Statt zwei gab es nun vier Parteien, die beiden bisherigen sowie die Königstreuen, die für Vulcas Kompromiss waren, und die Anhänger Bors. Bei des Königs Audienzen wurde dieses Thema verboten, und auch die Beschwerden beim Hohepriester fanden schliesslich ein Ende in der allgemeinen Einsicht, dass Bors unmöglich umzustimmen war. Allerdings wurde die Frage in den folgenden Jahren immer wieder thematisiert in den melwether Theatern, diskutiert in den Kaffees und gehobenen Gasthäusern und umprügelt in den einfacheren Kneipen. Die ansonsten gestrenge königliche Garde drückte dabei meist ein Auge zu. Heute ist der Tempeldachstreit kein verbittertes Gezeter mehr, sondern eher eine Art Volksunterhaltung: Jeder kann dazu mitreden, seine einstiges verbissenen Vertreter wurden in den melwether Komödien zu archetypischen Charakteren, und in den Hafenkneipen führt nichts schneller zu einer freundlichen Rauferei als die Frage „Was hältst du eigentlich von Tempeldächern?“

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