Die Verborgene Memnegis
Das Konzil von Valeor machte die junge Aropriesterin Memnegis berühmt. Eben hatte sie mit 19 Jahren ihre Priesterweihe erhalten, da ward sie von Aro in den Rang einer Verborgenen berufen und drückte der imperialen Politik sogleich ihren Stempel auf. Wider Erwarten behielt sie in den seither vergangenen sechs Jahren ihren Rang als Verborgene, und sie nutzte ihn geschickt, um sich bei Reichen und Mächtigen überall unbeliebt zu machen.
Memnegis entstammt einfachen Verhältnissen; ihre Eltern führen noch immer eine kleine Töpferei in Trieston. Das kluge Mädchen weckte die Aufmerksamkeit eines Aropriesters vom Tempel des Tiefen Tones, der sie zu unterrichten begann. Memnegis wurde bald klar, dass Lernen ihre grosse Leidenschaft war, und entsprechend trat sie als Initiantin in die Kirche des Fürsten Aro ein. Mit nur 16 Jahren verliess sie Tirensis und ging auf Wanderschaft mit ihrem Buch der Fragen. Sie bereiste den Grenzgürtel ausgiebig, und nach drei Jahren fand die den Weg zum Schrein des Schlafenden Nabels in Yumenech. Hier erhielt sie ihr Buch der Antworten und die Priesterweihe. Es war auf dem Rückweg nach Tirensis, da sie zur Verborgenen erhoben wurde. Sie änderte sofort ihr Ziel und reiste nach Valeor: Der Rest ist Geschichte.
Auch nach dem Konzil von Valeor blieb Memnegis auf Wanderschaft, und sie gab keine Ruhe. Tirensis hat sie seit nunmehr zehn Jahren nicht gesehen, dafür viele Länder des Grenzgürtels und Valeriens. Und wo immer sie auch hinkommt, nimmt sie sogleich die herrschenden Zustände unter die Lupe. Sie besitzt ein untrügliches Gespür für korrupte Machthaber, die beharrliche Fähigkeit, ihre Geheimnisse aufzudecken, und den Mut, ihre Entdeckungen unbeeindruckt von Drohungen bekannt zu machen. Memnegis' öffentliche Reden haben schon mehrere Aufstände ausgelöst, doch wagte bisher niemand, sie deswegen zu belangen: Einerseits geniesst sie den Schutz der Kirche des Fürsten Aro (und wohl auch jenen Aros selbst), andererseits entsprang jeder dieser Aufstände derart eklatanten Missständen, dass selbst die skrupelloseste imperialen Magistraten sie nicht leugnen oder schönreden können.
In der Dartagne deckte Memnegis die Machenschaften des Grafen Grenbault auf, der Familienväter wegen fingierten Anklagen einkerkern liess und damit sexuelle Gefälligkeiten der Gattinnen und Töchter erpresste.
Während der Dürre von 320 auf Yumenech hortete die Imperiale Handelskompanie in Shat Getreide, um den Preis weiter hoch zu treiben. Memnegis machte dies nicht nur bekannt, sondern zeigte den wütenden Massen auch, wo sich die geheimen Lagerhäuser befanden. Der Aufruhr endete mit der Defenestrierung von Schiffsmeister Brotan, der den Beinamen „Dungsturz“ wohl nie wieder loswerden wird.
Der Gouverneur von Gatruush soll bei der blossen Erwähnung von Memnegis' Namen Tobsuchtsanfälle erleiden. Sie legte nicht nur offen, dass er für den Wiederaufbau von Akragrad bestimmtes Geld für private Vergnügungen verschleuderte, sondern sie verschaffte sich mit List und Verstellung auch Zugang zu diesem Geld und liess es seinem ursprünglichen Verwendungszweck zukommen.
Aber nicht nur imperiale Machthaber haben Memnegis zu fürchten. Während des Krieges verkaufte der föderierte Admiral Qulquades aus Jankipar heimlich Gefangene, darunter auch Frauen und Kinder, als Sklaven an die Blutelfen. Den Gewinn streckte in die eigene Tasche. Als Memnegis dies aufdeckte, herrschte selbst in der dekadenten Oberstadt von Jankipar Empörung. Weil Jankipar seit jeher besonders unter dem Terror der Blutelfen zu leiden hat und diese Piraten hier deshalb zutiefst verhasst sind, kam es in der Unterstadt zu Aufständen, und mehrere Schiffsbesatzungen meuterten. Erst als Qulquades das Doppelte des Gewinnes aus seinem heimlichen Handel an die Armen der Unterstadt verteilen liess, beruhigte sich die Lage wieder.
Im Laufe der Jahre hat sich Memnegis viele mächtige Feinde gemacht, darunter nicht nur Fürsten und Gouverneure, sondern auch zahlreiche Adlige, Priester mehrerer Kirchen, die Handelskompanie und die imperiale Flotte. Viele dieser Feinde gäben einiges dafür, an Memnegis Rache zu üben und sie zum Verstummen zu bringen. Die Verborgene aber scheint davon unbeeindruckt; sie verlässt auf den Schutz des Fürsten Aros und seiner Kirche sowie auf das hohe Ansehen, dass sie unter ehrlichen Menschen besitzt. Auch hat sie sich nicht nur Feinde gemacht, sondern auch einige einflussreiche Freunde gewonnen, darunter Primarch Bors von Melweth und Präfekt Hjordan Hjorgenskor von Durrendaal.
Ihre Liebe zum Lernen hat Memnegis nie verloren, und sie kann keinem Rätsel oder Geheimnis widerstehen. Eine neue Erkenntnis muss sie verbreiten, unabhängig von deren Bedeutung oder Gebiet: So überraschte sie kürzlich mit einer begeisterten öffentlichen Rede in Melweth, in der sie von der Entdeckung dreier neuer Vogelarten berichtete. Gerade diese Leidenschaft für Wissen und seine Verbreitung sind es zusammen mit ihrem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit, die Memnegis zu einer solchen Plage machen für korrupte Machthaber.
Memnegis wird zumeist als 'unscheinbar' beschrieben. Sie ist klein und schlank und hat ein schmales Gesicht und feines dunkles Haar, welches sie recht kurz schneidet. Statt der weiten Roben eines Aropriesters trägt sie meist feste Hemden und Hosen und darüber einen langen grauen Umhang. Es fällt ihr tatsächlich leicht, unter Menschen unbemerkt zu bleiben, doch wenn sie irgendwo eine Rede zu halten beginnt, dann hat sie sofort aller Aufmerksamkeit. Ihre sonst leise, zurückhaltende Stimme nimmt dann einen leidenschaftlichen, packenden Ton an, ihre Augen beginnen zu leuchten, und sie scheint irgendwie zu wachsen. In solchen Momenten geht eine schwer greifbare Macht von ihr aus, welche ihre Zuhörer in den Bann zieht und ihren Worten Gewicht gibt, egal wovon sie spricht.
