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Musica Scoventa


“Es planten schon der Liebenden bös' Ende
pferdegesichtig' Lomendo, arm an Kraft und Haar,
und geizig' Clymente mit runzlig' Hände,
wer sehend, dem war ihre Niedertracht offenbar.“
- Aus einer Scoventa, vorgetragen von Orlacco am Geburtstag des Fürsten von Coltreve

Die kultivierten und dekadenten Adelshöfe von Scovento werden gemeinhin zu den gefährlichsten Orten Valeriens gezählt; nirgends findet sich ein übleres Gemisch aus Eifersucht, Machtgier und Intrigen gewürzt mit Giften und Duellen. Tödliche Feinde finden sich hier nicht nur an gegnerischen Höfen, sondern oft auch im eigenen Haushalt. In dieser Umgebung entwickelte sich eine raffinierte Musikform, zugleich beissender Spott und lobhudelnde Schmeichelei, die einem feinsinnigen Sänger Ruhm und Reichtum eintragen kann ebenso wie einen qualvollen Tod, sollte er auch nur ein unbedachtes Wort falsch setzen: die Musica Scoventa, oft auch nur „Scoventa“ genannt.

Die Musica Scoventa ist eine Sammlung von Liedern, die Geschichten über die gleichen vier Charakteren erzählen und bewusste Leerstellen enthalten. Diese Leerstellen, welche aus einzelnen Wörtern oder ganzen Zeilen bestehen können, werden vom Sänger bei jedem Vortrag neu gefüllt. Mit diesen individuellen Ergänzungen beschreibt der Sänger die Charaktere so, dass sie eindeutig als reale Personen erkennbar sind, ohne deren Namen zu nennen. Zwei Charaktere, die tugendhafte und schöne Ducchella und der tapfere und stattliche Almerian, werden in strahlendstem Licht dargestellt; ihre Beschreibung durch den Sänger sollte klar machen, dass damit sein Auftraggeber und dessen Geliebte oder, seltener, Gattin gemeint sind; ist die Auftraggeberin eine Frau, dann handelt es sich natürlich bei Almerian um ihren Liebhaber. Die eitle und dumme Clymente hingegen und der gierige und niederträchtige Lomendo sollten eindeutig als reale Feinde von Ducchella und Almerian erkennbar sein, wenigsten für jeden, der sich in den komplizierten Beziehungsnetzen Scoventos auskennt. Es gibt noch weitere Charaktere, die in manchen, aber nicht allen Scoventa vorkommen, etwa den treuen Porvello oder die lächerliche alte Gumbina, die natürlich mit weiteren realen Personen aus dem Umfeld der Hauptcharaktere besetzt werden.

Wenn der Scoventarius die Besetzungen der Charaktere geschickt wählt und sie mit treffenden Worten lobt oder verhöhnt, dann darf er auf reiche Belohnung hoffen, und sein Name wird an allen Höfen gelobt werden. Ist das Lied schlecht gesungen oder die Worte witzlos gesetzt, so wird seine Darbietung bestenfalls mit Geringschätzung angenommen. Gefährlich wird es, wenn der Sänger Beziehungen falsch einschätzt. Bezeichnet etwa Orlacco in einer Scoventa für den Fürsten von Coltreva den Lumpen Lomendo als „pferdegesichtig“, dann weiss jeder Hörer, dass mit Lomendo der Graf von Ulvelde gemeint ist, dessen Wappen ein galoppierendes Ross zeigt; der Graf ist ein bekannter Feind der Fürsten. Ist Lomendo „arm an Kraft und Haar“, dann bezieht sich Letzteres auf des Grafen Glatze, während Ersteres natürlich auf die Gerüchte über seine Impotenz anspielt. Mit dieser Besetzung Lomendos geht Orlacco bestimmt kein Risiko ein, wohl aber, wenn er Clymente „geizig“ nennt und ihr „runzlige Hände“ unterschiebt – diese Beschreibung passt erstaunlich gut auf des Fürsten Gattin. Wenn das fürstliche Eheleben wirklich so zerrüttet ist wie gemunkelt, dann wird diese feine Gehässigkeit Orlacco des Fürsten Gunst sichern, andernfalls mag sie ihn den Kopf kosten.

Es ist in Scovento verpönt, sich am Sänger zu rächen, wenn man in einer Scoventa verspottet wird; die Rache sollte einzig dem Auftraggeber gelten. Tatsächlich gibt es Sänger, die nach einer besonders gelungenen Darbietung vom verspotteten Lomendo oder der geschmähten Clymente angeworben wurden und danach in grosser Gunst standen. Man weiss in Scovento wohl zu unterscheiden zwischen dem Urheber eine Beleidigung und dem Überbringer. Dem Auftraggeber einer Scoventa hingegen steht es frei, den Sänger für freche Ungebührlichkeiten zu bestrafen.

Musica Scoventa wird selten vom Sänger alleine vorgetragen. Meist hat er ein oder zwei Musiker als Unterstützung, die als Chor dienen und weitere Instrumente spielen. Dabei darf auf keinen Fall eine Laute oder Zitter fehlen; üblicherweise wird sie vom Sänger selbst gespielt. Das zweite Instrument ist oft eine Trommel, ein Tamburin, ein Tabor oder ein anderes Schlaginstrument. Als Drittinstrument wurden schon verschiedene Flöten, Harfen und auch eine Fidel verwendet, wobei die Verwendung letztere an den Höfen Scoventos geringschätzig belächelt wird. Orlacco trat beim Fürsten von Coltreve sogar mit vier weiteren Musikern auf, die neben seiner Laute noch eine Trommel, eine Querflöte, eine tirensische Flöte und eine Zitter spielten. Der wichtigste Teil der Scoventa ist aber immer der Gesang. Eine Scoventa dauert üblicherweise mindestens 20 Minuten, kann aber auch erheblich länger sein – Orlaccos fünfköpfige Truppe trug ein Werk vor, dass sich mit zwei Pausen über eine ganze Nacht erstreckte.

In den letzten Jahren wurde die Musica Scoventa auch ausserhalb ihres Heimatlandes oft gespielt, zuerst an fernen Adelshöfen, dann aber auch an bürgerlichen Festen und in manchen Tempeln, vor allem jenen der Tallae und der Modernisten des Morenukultes. Neuerdings werden sogar gelegentlich in Gasthäusern Scoventa vorgetragen – auch Bauern und Seefahrer wissen ein Spottlied zu schätzen und hören gerne Schmeicheleien. Dabei muss die Besetzung und Beschreibung der Charaktere natürlich angepasst werden. Oft werden die Charaktere nicht mehr auf einzelne Personen bezogen, sondern auf ganze Gruppen, auf Berufe oder Stellungen. Bei einer Scoventa in einem Tallaetempel etwa ist Lomendo meist mit einem archetypischen Anhänger Wutors besetzt; in einer Hafenkneipe kann Almerian ein einfacher Hafenarbeiter sein, während Lomendo ein gieriger Händler oder Zolleintreiber ist. Diese „gemeine“ Version der Scoventa kann ebenfalls grossen Ruhm eintragen, wenn meist auch nicht so viel Reichtum wie die klassische Scoventa in ihrem Heimatland; auch kann sie sehr gefährlich sein, da ausserhalb Scoventos die Geschmähten sich oft nicht scheuen, sich am Sänger zu rächen.

Der berühmteste aller Scoventarii ist Vocello, der Grosse Windbeutel. Ein wahrer Meister seines Faches, schrieb er selbst mehr als 50 Scoventa selbst, darunter einige der beliebtesten wie „Die Hochzeit von Rose und Eiche“ oder „Sturz der Kleinlichen“. Er war bekannt für die Boshaftigkeit seines Spottes und die Brillanz seiner spontanen Dichtung, vor allem aber für seine feinsinnige Sicherheit in der Besetzung der Charaktere. Er vereitelte einen Giftanschlag auf den Fürsten von Belquenus, als er Almerian mit dem Fürsten, Clymente aber mit dessen Mätresse besetzte. Diese Besetzung sorgte für ungläubige Entrüstung und kostet ihn beinahe seinen Kopf, bis sich herausstellte, dass die Mätresse tatsächlich in ein Komplott gegen den Fürsten verwickelt war. Dabei hat Vocello stets bestritten, von dem Komplott gewusst zu haben; er will die Besetzung spontan vorgenommen haben, motiviert nur durch die heimlichen Blicke, die seine Clymente dem Fürsten zuwarf. Trotz seiner mächtigen Gönner musste Vocello dann aber aus Scovento fliehen; wenn auch nicht wegen seiner Musik. Verschiedene Gerüchte nennen vielmehr ein Intrige, eine Liebschaft oder einen Mord als Grund – oder, wahrscheinlicher, alle drei. Heute reist Vocello im Grenzgürtel umher, und seine Scoventa sang er schon für Föderierte wie Imperiale gleichermassen. Verodan Carvallus und König Vulca von Melweth waren bei ihm ebenso Almerian wie Lomendo, die Handelskompanie und die Oberstadt von Jankipar ebenso Ducchella wie Clymente. Er trat an den Höfen von Königen und Gouverneuren auf und in Hafenkneipen und auf Marktplätzen. Der Grosse Windbeutel Vocello brüstet sich gerne mit seiner Unabhängigkeit und seiner Fähigkeit, jeden gleichermassen zu verspotten.



Regeln

Eine gelungene Scoventa bedarf immer zweier Sets: für die Besetzung der Charaktere eines auf Senses+Empathy, für den Vortrag selbst eines auf Command+Perform. Hat der Scoventarius im Voraus Zeit, sich vorzubereiten, etwa indem er sich mit Leuten aus seines Auftraggebers Umfeld unterhält, dann kann er die beiden Würfe einzeln durchführen; trägt er die Scoventa ohne solche Vorbereitung vor, so werden die beiden Würfe zu einer multiplen Aktion zusammengefasst.
Der Scoventarius kann sich selbst Schwierigkeiten auf beide Würfe vorgeben. Eine Schwierigkeit auf den Vortrag stellt die Wahl eines komplexen Liedes dar, während eine Schwierigkeit auf die Besetzung bedeutet, dass der Scoventarius ein Risiko eingeht mit einer gewagten Besetzung. Ohne Schwierigkeit ist eine erfolgreiche Scoventa angenehm, aber nicht sonderlich bemerkenswert; eine Schwierigkeit von 7 auf jedem Wurf macht die Scoventa zu einem Ereignis, über das man noch in Jahren reden wird. Je höher die Schwierigkeiten, desto zufriedener wird der Auftraggeber mit einer gelungenen Scoventa sein, eine nicht erreichte hohe Schwierigkeit kann aber entweder sehr peinliche oder sehr gefährliche Konsequenzen haben.
Zusätzliche Musiker können vor dem Wurf auf Command+Perform des Sängers selbst auf Command+Perform oder Coordination+Perform würfeln mit der gleichen Schwierigkeit wie der Vortrag; ein Set bringt dem Scoventarius wahlweise einen zusätzlichen Würfel für seinen Pool oder einen Abzug von -2 auf die Schwierigkeit des Vortrages. Maximal zwei zusätzliche Musiker können dem Scoventarius einen solchen Vorteil einbringen, aber beliebig viele können den unterstützenden Wurf unternehmen.

musica_scoventa.txt · Zuletzt geändert: 2018/07/29 18:17 von 127.0.0.1