Nekrokratie
„Dies denn ist der Kern der Nekrokratie: Dass die Toten erhaben seyen über die Widrigkeiten des Lebens und nicht mehr erfüllet von irdischen Gelüsten, und dass sie darum ungetrübtes Urteyl fällten über die Dinge der Welt. Es sey deshalb nur vernünftig, auf jenes Urteyl zu vertrauen und das Wohl der lebenden in der Toten unparteiische Hand zu geben.“
- Aus dem 1. Vorwort von Horgenz dem Fehlgeleiteten zur Viae Artium Nigrarum des Erzenkromanten Attulbekk Khor
Im alten Orokul und bis vor Kurzem in Golotha fand sich eine eigentümliche Herrschaftsform: die Nekrokratie. Sie geht davon aus, dass die Toten und ein klareres Bild des Diesseits hätten, ungetrübt von den Wünschen und Sorgen der Lebenden. Deshalb seien die Toten besser geeignet als die Lebenden, über ein Volk zu herrschen. Da üblicherweise die Toten sich nicht einfach in die Angelegenheiten des Diesseits einmischen können, müssen Totenbeschwörer als ihre Stellvertreter fungieren. Diese Priestermagier leiten das Volk dann gemäss den Entscheidungen der Toten.
Es bedarf keiner grossen Anstrenung, um zu erkennen, dass diese Regierungsform nicht unbedingt das Wohl des Volkes im Auge hat.
Nekrokratie scheint unweigerlich zur brutalen Unterdrückung des gemeinen Volkes durch die untoten Schergen der wahren Machthaber zu führen: der Nekromanten. Diese Magie erlaubt es, Tote zu binden und dem Willen des Nekromanten zu unterwerfen. Vermutlich entstand die Nekrokratie in Orokul aus einem respektvollen Totenkult, und das Beschwören Toter ist nicht zwingend nekromantischer Natur. Doch war es nur eine Frage der Zeit, bis ein machtgieriger Totenbeschwörer sich dieser finsteren Magie bediente, um die Entscheidungen der Toten zu kontrollieren. Seither sind Nekrokratie und Totenbeschwörung untrennbar verbunden mit der orokulischen Nekromantie. Da diese zudem lehrt, der Untod sei der erhabenste Zustand, finden sich in einer Nekrokratie stets auch zahlreiche Wiedergänger in höchsten Positionen.
Die Nekromanten Orokuls setzten ihre Herrschaft mit ihrer Macht über die Untoten skrupellos durch. Dies führte zu einer starren Gesellschaftsordnung, welche über Jahrhunderte hinweg von den gleichen unsterblichen Tyrannen dominiert wurde. Das gemeine Volk hatte keinerlei Rechte gegenüber den Nekrokraten und musste oft seine Lebenskraft geben, um düstere Rituale zu speisen. Die verbliebenen Aristokraten strebten danach, die Geheimnisse der Nekromantie zu meistern und wenn nicht zu Lebzeiten als Nekrokrat, so doch zumindest nach dem Tod als Wiedergänger zu einem hohen Rang zu gelangen. Angesichts der Machtgier der Nekrokraten und der Tatsache, dass sich unter den ewigen Herrschern kaum eine Möglichkeit zu persönlichem Aufstieg bot, strebte Orokul bald nach einer Ausdehnung seiner Macht über andere Länder. Dies führte letztlich zur Bildung der Valerischen Allianz und zu ihrem 250 Jahre dauernden Krieg wider Orokul.
Beim Fall Orokuls während Carvallus' Dreizug fanden auch die meisten Nekrokraten ihr Ende. Einige wenige, alle von untergeordnetem Rang, flohen in die neu gegründete Stadt Golotha im Grenzgürtel. Hier errichteten sie eine neue Nekrokratie, noch nicht so erstarrt und finster wie jene Orokuls, doch keineswegs menschenfreundlich. Diese Nekrokratie diente dem Imperium als Vorwand, den Grenzgürtel zu untewerfen.
Nicht nur die unvermeidliche finstere Tyrannei begründet den Abscheu der meisten Menschen vor der Nekrokratie, sondern auch die Lehren des Tritheons:
„Der Platz der Toten ist im Jenseits, und das Diesseits gebührt den Lebenden. Nicht sollen deshalb herrschen die Toten über die Lebenden noch die Lebenden befehlen den Toten, sondern beide sollen bleiben an ihrem rechtmässigen Orte in der göttlichen Ordnung.“
- Aus den Lehren des Tritheons
Die wenigen verbliebenen Anhänger der Nekrokratie werden daher gnadenlos verfolgt von der Inquisition; der Kampf wider diese unnatürliche Staatsform und schwarzfrevlerische Totenbeschwörung war einer der einigenden Faktoren bei der Bildung des Tritheons und ist bist heute eine seiner wichtigsten Aufgaben.
