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odrask

Odrask


Aus den Aufzeichnungen Olcurs des Reisenden:

„Wer von Osten her, von Karat etwa oder von Gelbwasser, tiefer in den Grenzgürtel hineinfahren will Richtung Melweth und Eschaton, der muss sich Gedanken machen über ein besonderes Hindernis: die Inseln von Odrask. Diese beiden grossen Streifen Landes erstrecken sich wohl 1000 Meilen oder mehr von Nord nach Süd, und die Strömungen um sie herum sind tückisch und dem Schiffer Feind. Wie die Spitzen eines in Urzeiten versunkenen Gebirges ragen die Inseln aus der See; sie sind felsig und zerklüftet und nur von wenig Grün bewachsen, von zähem Kraut und zäheren kleinen Bäumen nicht unähnlich dem Olivenbaume Valeriens.

Der Odrask ist zwar lang, aber auch recht schmal. Seine beiden Inseln sind getrennt durch einen vielleicht 100 Meilen langen Streifen Meer: die Strasse von Odrask, oft befahren von Schiffen gen Westen, welche der Odrask sonst zu einem Umweg von bis zu zehn Tagen oder auch mehr zwänge. Wetter und Strömung begünstigen diese Passage, bläst doch ein beständiger Ostwind durch die Strasse. Nur im Winter mag der Wind wechseln und für einmal von Westen kommen; dies ist die beste Zeit für grosse Handelsschiffe, gen Osten zum Imperium zu fahren.

Tückisch kann die Durchfahrt durch die Strasse von Odrask sein, doch vermag ein erfahrener Kapitän oder eine gute Karte die Gefahren zu bannen. Zu beiden Seiten ragen zerklüftete Klippen empor, zu deren Füssen sich felsige Riffe und heimtückische Strömungen finden. Allerlei Untiefen lauern in der Strasse, und die Gezeiten zeigen sich besonders stark: Bei Ebbe stranden Schiffe mit grossem Tiefgang an manchen Stellen, welche sie bei Flut ohne Müh passieren. Es ist deshalb von grosser Bedeutung, zur rechten Zeit in die Strasse von Odrask einzufahren, am Besten bei einsetzender Flut. Es gibt in der Strasse mehrere wohlbekannte Stellen, an denen das Wasser immer tief ist; findet ein grosses Schiff sich bei Rückgang der Flut in der Strasse, dann kann es an einer dieser Stellen ankern und die Ebbe sicher überdauern. Ein Schiff von geringem Tiefgang dagegen hat wenig zu befürchten und kann fast überall auch bei niedrigem Wasser fahren, solange ein achtsamer Steuermann es von Sandbänken und Klippen fernhält.

Drei Stellen in der Strasse von Odrask erwarben sich Bekanntheit unter Seeleuten, und sie verdienen hier besondere Erwähnung. Die erste, welche das Schiff von Osten kommend antrifft, ist der Trockene Witz, eine etwa zwei Meilen lange Untiefe. Selbst bei Flut ist das Wasser hier nie sehr hoch, und bei Ebbe verschwindet es gänzlich. Der Name dieses nautischen Ärgernisses rührt daher, dass schon so mancher unerfahrene Kapitän hier vom Verschwinden des Wassers überrascht ward und sein Schiff auf trockenem Grund wiederfand, worüber andere Seeleute für den Rest seines Lebens lachen.

Tiefer in der Strasse, wohl ziemlich genau in ihrer Mitte, liegt der Hieb, ihre engste Stelle. Die beiden Ufer sind hier nie weiter als 150 Schritt voneinander entfernt und besonders hoch und steil; man glaubt gerne der Sage, der Titan Urgmaggog habe an dieser Stelle eine Insel mit seiner Axt entzwei geschlagen. Das Wasser ist hier tief, und bei Flut herrscht eine sehr starke Strömung; der Steuermann muss wohl acht geben, dass er die Kontrolle über sein Schiff behalte.

Noch weiter im Westen, kurz vor dem Ausgang in die See von Gehenna, liegt Brandets Abschied, ihre grösste Gefahr. Beinahe über die ganze Breite der Strasse erstreckt sich hier unter Wasser ein Band felsiger Klippen, welche bei Ebbe nurmehr knapp unterhalb der Oberfläche liegen und leicht auszumachen sind. An einer einzigen Stelle, etwa 400 Fuss vom nördlichen Ufer entfernt, ist dieses Riff durchbrochen und die Passage allzeit möglich. Am gefährlichsten sind die Klippen, wenn das Wasser vor der Ebbe tiefstem Stand aus der Strasse heraus fliesst und eine gefährliche Strömung auf das Riff hin erzeugt. Erreicht man Brandets Abschied dagegen während hohem Wasserstand, dann ist selbst die Fahrt über die Klippen gefahrlos möglich. Der Name dieser tückischen Stelle rührt übrigens vom Kapitän des ersten Schiffes her, welches hier mit Mann und Maus gesunken sein soll.

Eindrücklich ist die Durchfahrt durch die Strasse von Odrask, wenn auch etwas eintönig. Allzeit ragen Felswände zu beiden Seiten auf, manchmal nur einige Fuss, beim Hieb dagegen selbst während des Wassers höchstem Stand mehr als hundert Schritt. Anlegen kann ein Schiff nur an wenigen Stellen, doch dürfte sowieso keinem Kapitän der Sinn danach stehen: Nichts lebt in diesen Felsen als Seevögel und geschuppte Ghule. Ich war glücklich, während unserer Durchfahrt einige dieser widerlichen Kreaturen beobachten zu können, und noch glücklicher, dass sie sich nicht an unser Schiff heranwagten. Denn die Matrosen auf unserem Schiff berichteten, dass die Ghule gelegentlich zu ankernden Schiffen hinaus schwämmen, heimlich an Bord kletterten und unglückselige Seeleute mit sich ins Wasser rissen. Auch gestrandete Schiffe sollen sie manchmal angreifen, wodurch der Trockene Witz viel von seinem Humor verliert.

Eine einzige Siedlung der Menschen gibt es im Odrask, gleich vor dem Eingang der Strasse auf einer kleinen Insel gelegen: Broskels Ruh. Hier laufen fast alle Schiffe an auf dem Weg gen Westen, und viele warten in diesem Hafen auf günstige Gezeiten. Gegründet ward der kleine Ort von Broskel dem Knurrer, und Broskels berühmtes Gasthaus befindet sich noch immer im Besitz seiner Nachkommen. Hier treffen sich Seeleute aus aller Welt, nicht nur menschliche, sondern auch elfische und zwergische und andere, und natürlich ist das Gasthaus bestens eingerichtet, eines jeden Matrosen Wünsche zu erfüllen: Der Durstige findet billigen Rum ebenso wie hervorragendes Starkbier, der Frierende ein warmes Feuer, der Einsame reizvolle Gesellschaft. Auch Handel wird in Broskels Ruh getrieben, und manch ein Schiff von Osten fährt nur bis hierher, seine Ladung zu verkaufen, und kehrt dann heim. Die Siedlung besteht neben den Anlegestellen, dem Gasthaus, einigen Fischerhütten und drei Gehöften nur noch aus einer kleinen Festung, welche, von den Föderierten erbaut, heute von der imperialen Flotte gehalten wird.

Die Zölle, welche die imperialen Kapitäne vor der Strasse von Odrask eintreiben, sind nur wenige Monate alt, aber jetzt schon jedem freien Seefahrer verhasst. Im Grunde wären sie nicht hoch – ein kleines Handelsschiff sollte nicht mehr bezahlen müssen als drei Taler -, doch sind ihre Eintreiber besonders gierig und erheben nach eigener Willkür bizarre Zuschläge. So musste ein Händler aus Jankipar einst einen zusätzliche Kreuzer Zoll zahlen für jede Ratte, welche sich auf seinem Schiff befand; da sie besonders zahlreich schienen und natürlich unmöglich zu zählen waren, ward ihre Zahl von den Imperialen auf 300 geschätzt. Auf Grund einer leicht verderblichen Ladung blieb dem unglückseligen Händler nur, dieses schändliche Spiel mitzumachen. Von den zwei in Broskels Ruh stationierten Fregatten wartet übrigens eine oft an engen Stellen in der Strasse von Odrask, um alle Schiffe abzufangen, welche unbemerkt am Zollposten vorbei schlüpfen.“

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