Pyroxos
Südlich von Yumenech liegt eine einsame Insel, ein mächtiger Vulkan, der schroff und dunkel aus dem Wasser ragt. Er ist der höchste Berg des Grenzgürtels; sein Spitze ist nie sichtbar, stets verborgen von Wolken und Qualm. Dies ist der Pyroxos, zugleich eines Gottes Wohnstatt und eines Titanen Gefängnis.
Seit der Feuertitan Pyroxos besiegt ward, liegt er gebunden in den Tiefen des gleichnamigen Vulkans, gefesselt durch unzerstörbare Ketten aus dem Ersten Stahl, eines der mächtigsten Werke des Schmiedegottes Ignul. Wild und ungezügelt brennt das Feuer des Pyroxos noch immer. An klaren Tagen ist sein Rauch von der Südküste Yumenechs aus sichtbar. Immer wieder sucht der Titan seinen Fesseln zu entkommen und kämpft wütend dagegen an. Wenn er sie zu zerreissen versucht, dann grollt und bebt die Erde; wenn er sie zu verbrennen versucht, dann lodert seine Flamme so heiss, dass Stein schmilzt. Dann bricht der Vulkan aus mit Feuer und Wut, und für alle sichtbar ist der gewaltige Kampf des Titanen wider des Schmiedegottes Werk. Manche behaupten, dass eines Tages Pyroxos sich befreien werde, um die ganze Schöpfung zu Asche zu verbrennen. Andere sagen, dass Pyroxos nicht einmal freikommen kann, wenn sein Gefängnis um ihn herum einstürzt und die ganze Schöpfung zerbricht.
Ignuls Heimstatt befindet sich im Vulkan Pyroxos, hier ist seine grosse Schmiede. Im Feuer des Titanen, heisser als jedes andere, erhitzt er Eisen und Stahl, und sie werden dadurch stärker als alle anderen. Wenn Pyroxos wider seine Fesseln wütet und der Vulkan ausbricht, dann ist für Ignul die beste Zeit zum Arbeiten, dann steht er inmitten des Tobens und fertigt mit ruhiger Hand Waffen und Rüstungen für Götter. Seine Hammerschläge sind zu hören selbst über dem Donnern des Pyroxos.
Doch nicht nur einem Gott und einem Titanen dient Pyroxos als Heim. Die Colossi sind lebende Statuen aus Metall, gefertigt von Ignul im tiefsten Feuer von Pyoroxos. Sie verfügen über Verstand, Charakter und Bewegung und einige auch über die Gabe der Sprache. Ihre Gestalt variiert; manche wirken wie metallene Menschen, andere haben die Form von Wölfen oder Stieren. Einige Colossi sind kaum einen Schritt gross, während die grössten mehr als zwanzig Schritt aufragen. Ihre wichtigste Aufgabe ist der Schutz Pyroxos' vor jedem Feind, wofür sie hervorragend geeignet sind, und sie helfen dem Schmiedegott bei all seinen Unterfangen. Manchmal wird ein Colossus in die Welt entsandt, eine bestimmte Aufgabe für Ignul zu erfüllen. Sie sind nicht schnell, aber unermüdlich und widerstandsfähig; sie können weit reisen, indem sie auf dem Grund des Meeres marschieren. Ihre Kraft ist gewaltig und ihr Leib fast unzerstörbar, doch in den Jahrtausenden auf Pyroxos hat Ignul nur etwa fünfzig von ihnen geschaffen. Das Schaffen eines Colossus' scheint selbst dem Schmiedegott viel abzuverlangen.
An der steilen Küste von Pyroxos gibt es eine Anlegestelle für Schiffe. Hierher kommen Reisende von weither, um ihre Bitte an Secundus zu richten, den ältesten Colossus. Secundus hat Jahrtausende gesehen und dabei grosse Weisheit erlangt; er gibt bereitwillig Auskunft auf die Fragen götterfürchtiger Menschen. Aber nicht nur Rat suchen jene, die hierher kommen: Jeder kann einen Wunsch nach einer Schöpfung Ignuls an Secundus richten, und es mag geschehen, dass Secundus diesen Wunsch an seinen Herrn weiterleitet und Ignul ihn erfüllt. Einige der mächtigsten Klingen, Rüstungen und auch Werkzeuge der Sterblichen kamen so in die Schöpfung. Wenn auch nur vielleicht einer von tausend solcher Bitten entsprochen wird, so lockt dies doch so manchen Menschen an. Manchmal verlangt Secundus einen Preis für ein Werk Ignuls, etwa drei Jahre Dienst für Ignul, oder es kommt mit einer Auflage. Ein Schwert mag niemals im Licht des Mondes gezogen werden oder ein Beil mag niemals Eichenholz schlagen dürfen. Und nicht immer erhält der Bittsucher, was er erwartet; bekannt ist etwa die Geschichte des kriegerischen Königs von Kanderland, der sein zerbrochenes Schwert zur Reparatur nach Pyroxos brachte und eine Pflugschar zurück erhielt.
