Rindrikja
„Wir hatten die Geschichten über die Rindrikja gehört, natürlich, aber geglaubt haben wir ihnen nicht, die waren einfach lächerlich. Von Melweth sind wir geradeaus nach Süden gefahren. Wir hatten beständig den Wind im Rücken und die Sonne vor uns, die Kompassnadel zeigt stetig hinter uns, und bei Odul, ich kann einen Kurs halten! Nach drei Tagen lag plötzlich wieder Melweth vor uns, und der vertitante Kompass hatte sich einfach gedreht, möge ihn der Leviathan holen! Das geht nicht mit rechten Dingen zu in der Rindrikja, das habe ich gelernt, und lieber tanze ich mit einer Grollmuräne, als noch einmal da hinein zu fahren.“
- Erzählung eines alten Steuermannes aus Tirensis
Aus den Aufzeichnungen Olcurs des Reisenden:
„Jeder Seemann, mit dem ich im Grenzgürtel je sprach, nennt die Rindrikja tückisch, hinterhältig oder gar eine trügerische Verführerin, als hätte diese See einen eigenen Willen. Ich würde dies gern als die Übertreibungen abergläubischer Seeleute abtun, doch habe ich selbst schon zu viele Wunder dafür gesehen; ich will von der Rindrikja also berichten, als seien die Geschichten über sie wahr – zumindest die halbwegs glaubhaften.
Die Rindrikja erstreckt sich westlich Yumenechs über einige hundert Meilen; der direkte Weg von Melweth nach Jankipar führt durch ihre Wasser. Und was für Wasser dies sind! Klar wie nirgends sonst sind sie, man mag glauben, das Schiff schwebe durch die Luft. Ungetrübt fällt der Blick auf wimmelnde Fische und bunteste Korallen, auf die ganze friedliche Pracht von Oduls Reich, und man mag sich stundenlang ergötzen an diesem einmaligen Anblick. Es ist beinahe genug, all die Warnungen über die Gefahren der Rindrikja zu vergessen – würde nicht diese verführerische Schönheit selbst in allen Warnungen erwähnt, würde nicht genau darin sich der Rindrikja Tücke zeigen.
Denn so friedlich die Rindrikja sich dem Neuankömmling darstellt, so schön und huldvoll ihr Antlitz auch ist, so schnell kann es sich in eine grässliche Fratze verwandeln. Gerade schweift der Blick bis zum Horizont und zeigt nichts als klare See und blauen Himmel, da senkt man kurz die Augen, einem leuchtenden Fische zuzuschauen – und schon bricht der heftigste Sturm über einem herein, als wäre er hinter dem Schiff aus dem Wasser gesprungen. Ob nun das Schauspiel unter Wasser die Wachsamkeit trübt, oder ob sie sich hier wirklich innert Sekunden zusammenbrauen: In der Rindrikja kommen Stürme schnell und gewaltig.
Doch die Stürme sind es nicht, welche der Rindrikja derart viel Abscheu zugetragen haben, sondern vielmehr das seltsame Spiel, das sie mit Navigatoren treibt. Fährt ein Schiff in die Rindrikja ein, ist kein Verlass mehr auf den Kompass, seine Nadel mag in jede beliebige Richtung zeigen. Auch Wind und Wellen und gar Sonne und Sterne bieten keinen sicheren Orientierungspunkt; ein Kapitän schwor beim Grab seiner Mutter, dass er die Sonne in der Rindrikja einmal im Norden auf- und im Osten untergehen sah. Der einzige verlässliche Fixpunkt ist die Küste Yumenechs im Osten; so lange sie sichtbar bleibt, mag der Steuermann seinen Kurs halten. Doch verschwindet die Küste hinter dem Horizont, und sei es nur für eine Sekunde, so vermag niemand zu sagen, wo das Schiff die Rindrikja wieder verlassen wird – oder ob es ganz einfach verschwindet wie schon manche zuvor. Dieses Schicksal ereilte auch alle Entdecker und Scholaren, welche der Rindrikja Geheimnis zu ergründen suchten, und so gibt es keine sichere Kunde, worauf dieses absonderliche Phänomen beruht.
Für die Bewohner von Yumenechs Westen ist die Rindrikja und ihre nautische Wirrnis Fluch und Segen zugleich. Ihre Fischer müssen stets die Küste im Auge behalten und fahren deshalb nicht bei Nacht aus; andererseits muss aber auch jedes Schiff, welches die wichtige Route von Jankipar nach Melweth passieren will, nahe der Küste segeln. Die meisten Kapitäne legen dabei mehrere Zwischenhalte ein, und sie mögen zwar behaupten, dies sei zum Handeln und zum Vermeiden von Stürmen und Piraten, doch insgeheim lastet auf allen Seeleuten eine ermüdende Furcht vor der Rindrikja Tücke, und keiner möchte ihr zu lange ausgesetzt sein.
Eine weitere Eigentümlichkeit der Rindrikja ist für das vorbeifahrende Schiff von geringerer Bedeutung denn für die fischenden Küstenbewohner: die Quallenflut. An manchen Morgen wird die Rindrikja heimgesucht von einer Unzahl durchscheinender Quallen, von Auge im Wasser nicht zu erkennen, die Nesseln besetzt mit einem bösen Gift, das stark genug ist, einen kräftigen Mann zu töten. Während diese Quallen normalerweise nicht an der Oberfläche und schon gar nicht nahe der Küste zu finden sind, treten sie bei einer Quallenflut derart gehäuft auf, dass es schon lebensgefährlich ist, nur einen Fuss ins Wasser zu halten; an Fischen ist nicht zu denken, denn in jedem Fang findet sich unweigerlich eine Qualle, und schon manch ein Fischer verlor darob sein Leben. Quallenfluten kommen in unregelmässigen Abständen, manchmal dreimal in fünf Tagen, dann erst wieder nach sieben Monaten, und sie dauern stets von Sonnenaufgang bis Sonnenhöchststand; am Mittag verschwinden die Quallen, als würden sie sich in Wasser auflösen. Niemand weiss, was die Quallenflut verursacht, und niemand kann sie vorhersagen, doch ein verlässliches Anzeichen dafür gibt es: Oktopusse, in der Rindrikja häufig zu finden, erkennen die drohende Gefahr, anders als die Fische, die den Quallen so arglos ausgeliefert sind wie die Menschen. Kein Oktopus verlässt während einer Quallenflut seinen Bau. In jeder Siedlung an der Küste gibt es deshalb einen Quallenwächter, der dafür besorgt ist, dass nahe der Küste einige Oktopusse leben, und der jeden Sonnenaufgang überprüft, ob wenigstens einer davon aktiv ist. Ist dies der Fall, streicht er seine weitum sichtbare Flagge mit einer weissen Qualle auf blauem Grund. Kein Fischer fährt aus, bevor der Quallenwächter Entwarnung gibt, und es gilt an der Rindrikja als grosses Unglück, einen Oktopus zu töten; ein Händler wurde in Zubelna gar von einem wütenden Mob geölt und geschuppt - es standen weder Teer noch Federn zur Verfügung -, weil er einen Oktopus verspies.
Die Qualle gilt als wahre Herrin der Rindrikja, weshalb auch die berüchtigte Yondra Carvallus sie als ihr Wappentier erwählt hat. Die Herrin von Port Monsun, gelegen am südwestlichen Kap Yumenechs, mag mit Kriegsende der Freibeuterei abgeschworen haben, doch wird die Rindrikja noch immer von einer Unzahl von Piraten heimgesucht, die in den oft gesetzlosen Häfen hier Zuflucht finden, und denen die Eigenheiten der Rindrikja fette Beute und leichte Jagd bescheren. Die imperiale Flotte zeigte bisher wenig Neigung, dieses Übel gezielt auszumerzen, und so sind denn die Seeräuber eine weitere der vielen Gefahren, vor denen sich ein Kapitän in Acht nehmen muss in der tückischen Rindrikja.“
