Die See von Gehenna
Worte eines einstigen föderierten Kapitäns:
„Wenn du nordwärts durch die tückischen Gewässer der Rindrikja fährst oder westwärts durch die graue Strasse von Odrask, dann breitet sich auf einmal vor dir eine liebliche blaue See aus. Hier glitzert das Wasser wie der Sternenhimmel, freundlicher Wind liebkost deinen Bart, deine Fahrt ist besser als irgendwo sonst. Die See von Gehenna heisst dich willkommen, und du magst dich zu Hause wähnen.
Im Herzen des Grenzgürtels liegt sie, die See von Gehenna, und wir Föderierten des Grenzgürtels trugen sie in unseren Herzen. An ihren Gestaden lagen das prächtige Melweth, das unbeugsame Eschaton, die lärmigen Städte Yumenechs, das verfluchte Golotha, Gultrund mit seinen verlorenen Schwefelminen und manch ein Land mehr, alle Teil der Föderation. Wir kannten die See von Gehenna, und sie war gut zu uns. Und als uns die Imperialen brachen, da geschah dies unter ihren Augen, auf Melweth und Yumenech und Eschaton. Heute glauben die imperialen Haie, die See von Gehenna gehöre ihnen, und ich verabscheue sie dafür doppelt.
An den Ufern der See von Gehenna fand und verlor Odul einst Liebe, und bis heute geniesst sie seine besondere Gunst. Wenn du Oduls Lied nicht über der See von Gehenna hörst, dann wirst du es niemals hören. Wohl kann dein Schiff in ihrem Stürmen sinken, in ihren Flauten liegen oder ihren Untiefen auflaufen; wohl kann sie so launisch und kalt sein wie jedes andere Meer. Doch verliert sie selbst dabei nie ganz ihre Anmut, und niemals ist sie heimtückisch oder trügerisch. Stürme und Flauten kommen nicht unangekündigt, Untiefen wandern nicht in der See von Gehenna. Und es gibt hier kaum Titanenbrut, Kraken und Seeschlangen musst du nicht fürchten, denn Odul wacht besonders gut über die Wasser seiner Liebe.
Auch wenn ich die See von Gehenna besser kenne denn mein eigenes Herz, so hat sie mir doch nicht all ihre Geheimnisse preisgegeben. In ihren Tiefen soll ein friedfertiges Volk von Meer-Menschen leben, und man kann sie in mondhellen Nächten in seichtem Wasser und an Riffen tanzen sehen zu Oduls Lied. 100 Meilen südlich von Golotha liegt Oduls Winterhof, wo man in der Tiefe des Meeres stets ein helles rotes Feuer brennen sieht. Im Winter zieht Odul sich dahin zurück, denn das Feuer unter Wasser wärmt das Meer. An kalten Tagen liegt über Oduls Winterhort dichter Dunst, so warm, dass du kein Hemd brauchst. Und manch ein Seefahrer berichtet von einer geheimnisumwitterten Insel, ein einladendes grünes Eiland, versteckt hinter einem Sturm. Niemand hat die Insel je betreten, und jeder will sie an einem anderen Ort erspäht haben, meist flüchtig nur. Alle aber schwören sie Stein und Bein, dass diese Insel existiert, und alle berichten von einem schlanken silbernen Turm, der selbst in der finstersten Sturmnacht blau leuchtet.“
