Die VIII. Legion
„Es gibt verschiedene Irrtümer darüber, warum sie uns die Hengste nennen. Die einen glauben, es sei, weil wir so gerne Stuten besteigen, die anderen, weil wir so ungestüm sind. Beide liegen falsch. Die Wahrheit ist: Sie nennen uns Hengste wegen der Länge unserer Schwänze.“ – Orcelaq, Musketier in der VIII. Legion
„Und nachdem sie also meine Diener vertrieben, meine Vorratskammer und meinen Weinkeller ausgeraubt und meinen Lustpavillon niedergebrannt hatten, kehrten sie ins Dorf zurück und veranstalteten ein grosses Fest. Am nächsten Morgen hatten sie noch nicht einmal genug Scham, ihre Untaten zu leugnen – nein, sie waren noch stolz darauf, und nannten mich einen Tyrannen und Blutsauger und Schuft, und sie drohten mir, zurückzukommen und auch noch mein Schloss niederzubrennen, falls ich meinen berechtigten Zorn an meinen liederlichen Untertanen auslassen sollte!“ – Graf Veofrast von Huergenot in einer Beschwerde über das 3. Regiment der VIII. Legion
„Als sich am Abend vor der Schlacht der General und seine Hauptleute berieten, versammelte sich, wie's schien, die halbe Legion um des Generals Zelt. Gleich vor dem Zelt, von den Wachen unbehelligt, warteten ein junger Kavallerist und eine etwas ältere Legionärin; beide waren nervös, was die Legionärin aber besser versteckte. Dann erstarb das Gemurmel der versammelten Soldaten, und eine Gasse öffnete sich; ein Trupp aus etwa zwei Dutzend selbstsicherer Männer und Frauen erschien. Ihr Anführer war ein Hüne mit besonders prächtigem Schnurrbart, federbesetztem Hut und zwei Pistolen im Gürtel neben seinem Schwert; auch seine Begleiter stachen unter den Legionären heraus. Der Hüne trat vor den jungen Kavalleristen, legte ihm die Hand auf die Schulter und schüttelte leicht den Kopf; dann nickte er der Legionärin zu. Auch die übrigen Neuankömmlinge nickten ihr knapp zu, bevor sie ins Zelt des Generals eintraten; sie folgte ihnen, derweil der Kavallerist zu seinen nahen Kameraden trat und erstmal einen Schlauch Wein gereicht bekam. Ein nahestehender Legionär erklärte mir, was da eben geschehen war: 'Das waren die bergers. Die Hauptleute geben uns Befehle, aber die bergers führen uns, wenn's wirklich zählt. Sie haben eben eine neue bergère in ihrer Reihe aufgenommen, und wir alle kennen sie jetzt. Nun erklärt der General ihnen den Schlachtplan, damit sie sich darüber lustig machen können und morgen wissen, was zu tun ist'.“ – Aus einem Bericht des imperialen Korrespondenten über die VIII. Legion
Keine andere Legion des Imperiums hat einen solch widersprüchlichen Ruf wie die VIII. Sie hat einige der glorreichsten Siege des imperialen Heeres errungen, aber auch seine peinlichsten Niederlagen verschuldet. Die Hengste, wie die Legionäre der VIII. genannt werden, gelten als prahlerisch, streitlustig und eitel, und aus mehreren Provinzen Valeriens wurden sie als Aufrührer und Unruhestifter verbannt. In einigen dieser Provinzen und darüber hinaus werden sie zugleich als unerschrockene, selbstlose und ritterliche Helden verehrt. Üblicherweise ist der Ruf der Hengste dabei unter dem gemeinen Volk besser als unter Adligen und Reichen.
Ausgehoben wurde die VIII. Legion ursprünglich in Esculien, und bis heute stammen zwei von drei Hengsten aus jenem Land. Lange war die VIII. hauptsächlich bekannt für ihre schwere Reiterei; wenn deren grosse Zeit auch vorüber ist, so hat die VIII. doch bist heute mehr Kavallerie als jede andere Legion. Daneben weist sie auch besonders viele Musketiere auf. Während sich die Hengste notorisch schlecht schlagen in Belagerungen und ähnlich langwierigen Angelegenheiten, kann sich nichts und niemand – nicht einmal Orks und Oger – mit der schieren Wucht und Wildheit ihrer Sturmangriffe messen.
Wo immer die Hengste auch stationiert sind, mischen sie sich über kurz oder lang in allerlei lokale Händel ein, und wenn sie keine finden, dann zetteln sie eben selbst welche an. Immer beziehen sie dabei Partei für die Schwächsten, meist für das gemeine Volk und gegen die Machthaber, ob es sich bei diesen nun um korrupte Tyrannen handelt oder nicht. Wenn die Hengste so auch tatsächlich schon einige Ungerechtigkeiten aus der Welt geschafft haben, haben sie in vielen Fällen vor allem Unruhe gestiftet. Von lokalen Truppen werden sie gefürchtet und verabscheut.
Das heutige Bild der heldenhaften, aber aufrührerischen VIII., das in vielen valerischen Groschenromanen gezeichnet wird, wurde vor etwa 25 Jahren von einer Generation herausragender Hengste geprägt. Damals enthüllten fünf Musketiere – bekannt als 'Linke Hand der Musketiere' – eine schwarzfrevlerische Verschwörung, der unter anderem zwei Senatoren, ein Herzog und eine Hohepriesterin der Epsis angehörten. Kurz darauf führte Hauptfrau Yarsande die legendäre Besetzung des Senats an, um den Finsold des 8. Regiments zu fordern. Der Legionär und Degendichter Escilmar de Parafois veröffentlichte Spottverse, die in fast ganz Valerien verboten sind und sich wohl gerade deswegen bis heute grosser Beliebtheit erfreuen. Die Helden jener Zeit wurden die Vorbilder vieler Hengste, und einige von ihnen stiegen danach auf zu Lieutenants und Hauptleuten; der Anführer der Linken Hand der Musketiere, Vidocq Bernadotte d'Armelacq Turenne, brachte es bis zum General.
General Turenne erwies sich als begnadeter Anführer mit einem Talent dafür, seiner Legion genug Raum für ihre notorische Aufsässigkeit zu lassen, um dann im entscheidenden Moment ihre überbordende Energie auf ein Ziel zu richten. Er verfeinerte und institutionalisierte die Rolle der bergers. Der einstige Musketier, dessen Liste von Verstössen gegen die Heeresregeln länger sein soll als der vreskische Teppich im imperialen Palast, kämpfte selbst als General immer in vorderster Reihe und ist bei seinen Soldaten äusserst beliebt. Als er während des Krieges im Grenzgürtel den Befehl des imperialen Gesandten, ein Regiment der Föderation nach dessen Kapitulation zu massakrieren, verweigerte, wurde General Turenne verhaftet. Seither befindet er sich an unbekanntem Ort in Gefangenschaft; das Imperium nutzt ihn als Geisel, um die VIII. Legion unter Kontrolle zu halten.
Glaubt man den Gerüchten in Valeor und unter anderen Legionen, standen die Hengste vor Turennes Verhaftung bereits kurz davor, gegen das Imperium zu meutern, und der Befehl, den der General verweigerte, war eine bewusste Provokation. Auf jeden Fall wurden die Regimenter der VIII. danach flugs über den ganzen Grenzgürtel verteilt, entweder an besonders abgelegene Orte oder auf Inseln, auf denen andere imperiale Truppen eine starke Präsenz haben. Es ist offensichtlich, dass die imperialen Machthaber den Hengsten nicht trauen; man kann es ihnen nicht verübeln.
Wenn die VIII. angreift, bricht, mehr noch als in einer Schlacht üblich, unweigerlich das blanke Chaos aus; Befehlsketten brechen zusammen, Truppen finden sich auf der falschen Seite der Front wieder, und Freund und Feind sind kaum mehr auseinanderzuhalten. Während dieser Durcheinander für ihre Feinde hinderlich, wenn nicht gar verheerend ist, haben die Hengste damit weit weniger Probleme und suchen es bewusst. Der Grund dafür ist eine parallele Führungsstruktur neben der üblichen Hierarchie, verkörpert durch die berger. Diese sind erfahrene Soldaten von hohem Ansehen in der ganzen Legion und mit ausgeprägten Führungsqualitäten, aber ohne die geringste Lust auf die Pflichten und Kopfschmerzen eines Offiziers. Die bergers wählen ihre Mitglieder selbst, und jeder Legionär kennt sie alle. Vor einer Schlacht werden die bergers über die Ziele und Pläne des Generals und seiner Hauptleute unterrichtet. Während der Schlacht haben sie weitgehend freie Hand, und ein Legionär, der seine Befehle verweigert, um einem berger zu folgen, hat keine Strafen zu fürchten. Unweigerlich tauchen die bergers dann im dichtesten Getümmel und grössten Durcheinander auf, wo sie versprengte Legionäre sammeln und zu kühnen Unterfangen anstacheln, feindliche Artilleriestellungen stürmen und unerwartete Flankenangriffe führen. Die grossen Siege der VIII. wurden alle dadurch errungen, dass einzelne Hengste auf eigene Faust zu Gunsten der Legion handelten, und die bergers verkörpern diese heroische Tradition.
Neben Pferden schätzen die Hengste auch Schiesspulver ausserordentlich. Viele üben sich im Esculischen Schiessen. Um der Liebe der Hengste zu lautem Knallen Genüge zu tun, unterhält die VIII. eine eigene Abteilung von Alchimisten, die nicht nur, aber vor allem für die Versorgung mit Schiesspulver zuständig sind. Es ist nun allerdings nicht so, dass die VIII. regelmässig mit Esculischem Vitriol oder anderen Zutaten für Schiesspulver versorgt wird, und so haben sich diese Alchimisten zu Meistern im Besorgen seltener Zutaten entwickelt – sprich: im Betrügen und Stehlen. Besonders bei der imperialen Flotte und der Handelskompanie haben die Alchimisten der VIII. den Ruf einer diebischen Plage, die es unbedingt von den Schiffen fernzuhalten gilt. Die Offiziere der VIII. fanden bald einen weiteren Einsatzbereich für die eigentümliche Fähigkeitskombination der Alchimisten: als Saboteure. Die Hengste mögen kein Talent haben für Belagerungen, aber wenn ihre Alchimisten sich im Schutz der Dunkelheit an eine Stadtmauer heranpirschen können, ist das auch gar nicht mehr nötig.
