| {{/file/view/wutor.jpg/573473899/880x702/wutor.jpg|wutor.jpg}} | | Das Ende des Winters |
“Was gibt es zu sagen zu einem Kriegsgott, der nur aus Grimm und Blutdurst besteht? Man hat mir gesagt, dass Wutor noch andere Seiten habe, aber das halte ich für ein schönfärberisches Gerücht.“
- Zugeschrieben dem zwergischen Priester Luggwosch
“Ihr hasenherzigen Traditionalisten, ihr faselt dauernd von Wutors Pflicht und dem Schutz des Frühlings und ähnlichem Weibermist. Dabei ist es die grösste Schwäche, eine Entschuldigung für die eigene Stärke zu brauchen.“
- Primarch Eipnir Salzdurst zum totgeweihten Winterfürsten Graeli Breivnison
Eine alte Sage, erzählt von einem Skalden aus Skaarmar:
“Einstmals, da war der Winter noch viel kälter und härter als heute. Da war es so kalt, dass dir der Speichel im Mund und der Rotz in der Nase gefroren, und du musstest sie aus dem Kopf heraus hämmern, wenn du atmen wolltest. Der Schnee lag so hoch, dass selbst die Sonne nasse Füsse kriegte. Und immer länger dauerte der Winter, er frass den Frühling und den Herbst. Der Sommer war schon so kurz, dass an einem Tag alle Blätter an den Bäumen spriessen mussten, und am nächsten wurden sie schon wieder rot und fielen herunter.
Belzhax heisst der kälteste König, der Herrscher im Norden. Er ist der Gebieter im Winter, und er wollte den Winter ausdehnen auf das ganze Jahr und herrschen auf immerdar. Über die gefrorenen Lande ging er nach Belieben, und er nahm sich, was ihm gefiel. Kein Mann war da, der wider ihn bestehen konnte. Selbst der Tapferste fürchtete das eisige Schwert und den gefrorenen Blick des Belzhax. Eine Seherin hatte dem Eisherzigen verheissen, kein Feinddorn werde ihm gefährlich denn die eigene Gnade. Kalt und grausam machte Belzhax deshalb all sein Sinnen, niemals gewährte er Gnade.
Sigrlin hiess die schönste Maid. Es kam Belzhax zu ihrem Heim. Sie gefiel dem frostigen Auge wohl, und der kälteste König erschlug ihre Leute und nahm sie. Am Morgen fiel das Licht golden auf Sigrlinns Haar, ihr Auge blickte furchtlos, und sie gefiel dem Starrebringer noch mehr. So schön war sie in der Morgensonne, dass sich das kalte Herz rührte. Da verschonte er ihr Leben und schenkte ihr drei Jahre noch.
Wutor heisst der Sohn der Sigrlinn. Geboren ward er am letzten Tag des Winters. Am dritten Tag stand er auf aus der Krippe und erschlug den Roten Bären zu Rjöfskoll. Rotgolden ist sein Haar, fahlblau leuchtet sein Auge. Wie ein Berg ist sein Rücken stark, wie der Polarstern seine Hand sicher. Drei Sommer lang wuchs Wutor und sprach kein Wort. Nach drei Sommern war er ausgewachsen. Da fragte Wutor Sigrlinn nach seinem Vater. Sigrlinn sagte es ihm. Schon spürte sie die Kälte nahen, schon erkannte sie das Ende.
Sigrlinn
„Kälteschmied heisst dein Vater,
Belzhax, aller Menschen Feind.
Die Valfahrt spür ich nahen,
sein Werk auch wird sie sein.“
Wutor
„Rächen will ich, Unheilsspross,
am Frostverdorbenen mich,
will bringen blutig Entgelt
für kaltes Mörderwerk.“
Wutor zog aus, zu suchen den Starrebringer. An Mittwinter trafen sie sich beim Frekastein, und sie kannten sich. Siegreich blieb Wutor, nahm des Frostvaters Hand. Da war gebrochen die Macht des Belzhax, und er floh zu seinem nördlichen Thron. Dort harrt er des Tages, da die Raukälte kommt über das Land. Dann wird die Sonne am Himmel festfrieren, dann wird die Luft zu Eis erstarren, dann endet alle Wärme. Dann wird Belzhax noch einmal kämpfen gegen Wutor. Der Kältesohn aber wacht beständig im Winter, jeden Jahreslauf befreit er den Frühling aus den kalten Fängen.“
Wutor ist der Gott des Kampfes und des Winterendes. Er ist der Wächter im Winter, der Schneeröter, der Erprober der Stärke, der Ungeliebte Beschützer des Frühlings, der Blaugeber, die Eiche des Brünnenthings. Er ist des Herrn Morenu Waffenbruder und zählt zu den Sieben Getreuen. Er ist Sohn und Erzfeind des Kältesten Königs Belzhax und einer der Götter des Tritheons.
Von Kindheit an war Wutor ein grosser Krieger, und lange kämpfte er wider seinen titanischen Vater Belzhax und dessen frostiges Gefolge. Die Länder des Nordens sind übersäht mit den Stätten und Spuren seiner grossen Kämpfe. Nur einen einzigen Kampf verlor Wutor: gegen den Herrn Morenu am Krelesund. Wutor schwor da dem Herrn Morenu Treue, und dieser nahm ihn auf in sein Gefolge. Seither kämpft Wutor als Gott des Diesseits an der Seite des Herrn Morenu und wacht zugleich weiter über den eisigen Norden und die ewig veränderlichen Grenzen von Belzhax' Reich. Während der Tage ohne Mond und Sonne zog Wutor mit Morenu und bezwang Tugrukhan den Schnitter und den listenreichen Erechnal.
Seit seiner Niederlage am Frekastein hat Belzhax seinen eisigen Thron am Nordpol nicht mehr verlassen, doch mit dem Winter kommen stets auch die Reifriesen und andere böse Kreaturen aus Belzhax' Gefolge. Wider sie richtet sich Wutors Wacht ebenso wie wider den Winter selbst. So hart der Winter im Norden auch sein mag, er wäre noch viel schlimmer, bräche Wutor nicht die kälteste Macht. Und jedes Jahr muss Wutor den Frühling schützen, auf dass sie nicht vom immerhungrigen Winter verschlungen wird.
Ein einsamer Wanderer ist Wutor, nie lange an einem Ort. Während der kalten Jahreshälfte wandert er durch den Norden auf der Suche nach Feinden ebenso wie Spuren des Frühlings. Im Sommer mag er sich südwärts wenden, die Götter des Diesseits zu besuchen. Nie bleibt er lange an einem Ort, nie hält er lange Gesellschaft. Viele nordische Heldensagen erzählen, wie der Held im bittersten Winter an einem abgelegenen Ort auf Wutor traf, ihn einige Tage begleitete und von ihm auf die Probe gestellt wurde. Die Tapfersten kämpfen gar an Wutor Seite; meist fanden sie dabei ihren ruhmreichen Tod.
Grimmig und verschwiegen ist Wutor, Worte zählen ihm nichts, Taten alles. Die Ausnahme sind Eide und Ehrenworte, denen der Wächter im Winter höchstes Gewicht beimisst. Nie würde er ein Versprechen brechen. Von unermüdlicher Treue ist Wutor, und wer unter seinem Schutz steht, wird vor Wutors Ende keinen Feind fürchten müssen. Oft erscheint er kalt und unbarmherzig, doch findet er kein Gefallen an Grausamkeit. Vielmehr werden seine Taten von kühlem Pragmatismus getrieben und vom Wissen, dass Rücksicht auf Schwäche ein böses Ende findet im tiefen Winter. Manchmal nimmt sich Wutor eines ausgesetzten Kindes an, bringt es durch den Winter und gibt ihm sein Blau. Des Kindes Leben gehört danach dem Wächter im Winter, und es wird die Schuld dereinst begleichen im Kampf wider Wutors Feinde.
Es heisst, Wutor liebe den Frühling sehr, und sie sei dankbar für seinen Schutz, doch fürchte sie seine grimmige Rauheit. Deshalb muss Wutor auf immer alleine wandern. Jeden Firlenztag steht er hoch auf dem Swarahjöll und blickt hinunter aufs Arnafeld. Wenn er dann das erste Leberblümchen blühen sieht, dann lächelt Wutor wehmütig. Vielleicht würde sich in des Schneeröters Herzen Sanftmut finden, wäre seine Aufgabe nicht so grimmig, sein Weg nicht so so einsam.
Kein Leben wäre möglich im Norden, würde es nicht von Wutor vor Belzhax' Kälte geschützt. Dennoch zeigt Wutor wenig Liebe für einzelne Sterbliche: Sein Schutz gilt der Menschheit und dem Leben als Ganzes. Wutor schätzt Eigenständigkeit und Mut mehr noch als Stärke und Kampfkraft; wer mit Schlauheit sich und die Seinen über den Winter bringt, der mag sich ebenso Wutors Respekt verdienen wie ein grosser Krieger. Feiglinge und Schmarotzer aber verabscheut Wutor, er verlangt von jedem, dass er seinen Teil tue für das Überleben der Seinen.
Es gibt nur sehr wenige bildliche Darstellungen Wutors. Sie zeigen alle den Gott, wie ihn auch die Sagen beschreiben: ein mächtiger Hüne mit dichtem Bart, fahlblauen Augen und grimmigem Gesicht. Einmal ist sein Oberkörper nackt, das nächste Mal trägt er eine Brünne. Über seinen Schultern liegt der Pelz des Roten Bären, seinen Hände halten die Zwillingsäxte Folski und Sindr. Der einzige Schmuck, den Wutor trägt, ist ein Armreif, geflochten aus Leberblümchen und Primeln. Diesen Armreif erhält Wutor jeden Firlenz vom Frühling geschenkt, und die Blüten bleiben ein ganzes Jahr lang frisch.
Der mächtige Silberwolf der nördlichen Lande ist Wutor heilig, denn er verkriecht sich im Winter nicht wie der Bär und hält treu zu seinem Rudel. Die feigen Schwarzwölfe des Südens hingegen verachtet Wutor. Elche und Rentiere stehen unter Wutors Schutz, und wer im Winter ein solches Tier erlegt, der sollte dem Schneeröter seinen Respekt zollen.
Der Kult des Wutor
Die Heimat des Wutorsultes ist Skaarmar. In den Bergen des Nordens mit ihrem mörderischen Winter wird der Beschützer des Frühlings seit Menschengedenken verehrt. Von Skaarmar aus verbreitete sich der Kult über den ganzen Norden Valeriens. Der Kult wurde in den ersten Jahren der Allianz in das Tritheon aufgenommen, und die Verehrung Wutors fand ihren Weg südwärts. Hier aber, an den milden Ufern der Valerischen See, änderte sich das Bild Wutors, was zu einer faktischen Zweiteilung des Kultes führte. Die Schrecken des Winters sind den Südländern unbekannt und daher auch die Dankbarkeit für den Wächter im Winter. So reduziert sich Wutor in den Augen der Südländer auf den Schneeröter und Blaugeber, auf den grimmigen Gott des Kampfes, der nur Stärke, Härte und Unnachgiebigkeit lehrt. Blutrünstig, wild und kampfeshungrig ist dieser Wutor, und von friedliebenden und gebildeten Südländern wird er verabscheut. Wer davon weiss, kennzeichnet diese Zweiteilung des Kultes durch die Bezeichnungen „Nordpfad“ und „Neuer Pfad“.
Der Nordpfad hat sich über Jahrhunderte hinweg kaum verändert. Er kennt kein formales Priesteramt, sondern die Rituale werden von den Winterfürsten oder Stammesältesten angeführt, während die Skalden und Geschichtenerzähler die alten Sagen überliefern. Regelmässige Gottesdienste gibt es nicht; die wichtigsten Feiern sind das Julfest zu Mitwinter, wenn Wutor die Macht des Winters bricht, und der Frühlingsbeginn Firlenz. Dieser Tag wird ausgerufen, wenn auf dem Arnafeld bei Skaarhjoldt das erste Leberblümchen blüht. Andernorts mögen anderen Zeichen den Firlenztag bestimmen, doch soll es Unglück bringen, wenn man ihn irgendwo vor Skaarhjoldt feiert. Das Julfest wird im Kreise des Stammes begangen, und es ist für einen Fremden eine grosse Ehre, dazu eingeladen zu werden – auch deshalb, weil er damit den ganzen Winter als Gast aufgenommen wird. Der Firlenz hingegen verkündet auch das Ende der winterlichen Isolation und sollte mit möglichst vielen Leuten gefeiert werden. Neben diesen beiden grossen Festen wird Wutor auch bei winterlichen Beerdigungen angerufen, damit er die Verstorbenen auf den Valwegen ins Jenseits beschütze, und von Kriegern, die wider unmenschliche Feinde in den Kampf ziehen, damit er ihnen die Stärke für den Sieg oder für einen ruhmvollen Tod schenke.
Ein einziges heiliges Amt wird von allen Anhängern des Nordpfades anerkannt, nämlich jenes des Jadarrs vom Frekastein. An diesem heiligen Ort besiegte Wutor einst Belzhax, und bis heute ist er ein Symbol für den alljährlichen Sieg des Beschützers des Frühlings über den Winter. Der Jadarr kann seine Abstammung zurückführen bis zu Svifjötli Sigrlinnson, dem sterblichen Halbbruder Wutors, und ihm obliegt die Verteidigung des Frekasteines. Diese ist eine ebenso ruhmvolle wie schwierige Aufgabe, denn die Diener des Belzhax versuchen immer wieder, diese heilige Stätte zu zerstören. Jeder Sohn des Jadarrs wird im Wald ausgesetzt, bis der erste mit dem Wutorsblau wiederkommt; er wird seines Vaters Nachfolger werden. Der Jadarr vom Frekastein wird vom Tritheon als Primarch anerkannt, kümmert sich aber nicht im Geringsten um Kirchenpolitik. Der einzige ander Kult, mit dem der Nordpfad überhaupt feste Beziehungen unterhält, ist jener des Herrn Morenu. Am Frekastein kann man stets Priester und Krieger des Sonnengottes finden, die hier beim Kampf wider die Titanenbrut helfen.
Um Priester des Neuen Pfades zu werden, muss ein Krieger die abgetrennten Waffenhände von fünf Feinden vorweisen. In den Südlanden heisst es, damit sei alles gesagt, was man über den Wutorkult wissen müsse. Tatsächlich zeichnen sich die Anhänger des Neuen Pfades häufig durch Rohheit und Blutrünstigkeit aus, wenn dies auch nicht zwingend ist. Die südlichen Priester Wutors sind allesamt erfahrene Krieger; unter ihnen finden sich Legionäre ebenso wie Söldner und Banditen. Viele von ihnen werden in der ein oder anderen Provinz wegen Gewaltverbrechen gesucht. Der schlechte Ruf des Kultes ist nicht unverdient, doch finden sich in seinen Reihen auch aufrechte und ehrenhafte Männer, die sich dem Kampf gegen die Feinde der Menschheit widmen. Und manch ein gewissenloser Mörder fand im Dienste Wutors eine löbliche Aufgabe und eine neue Richtung im Leben.
Solange sie können, führen die Wutorpriester das Leben eines aktiven Kriegers. Viele dienen in einer Legion, andere wandern als Söldner durch die Lande. Wird ein Priester zu alt oder zu verkrüppelt für dieses Leben, dann kann er sich in einem Tempel niederlassen. Diese finden sich in vielen grösseren Städten, haben für den Kult aber eine untergeordnete Rolle; kein Priester strebt ein festes Amt darin an. Die Priester Wutors sind oft nicht auf den ersten Blick erkennbar. Jeder von ihnen trägt ein eisernes Amulett in Form zweier gekreuzter Äxte, doch tun dies auch viele ungeweihte Anhänger Wutors. Unter den wandernden Wutorpriestern finden sich auch die drei Primarchen des Neuen Pfades. Sie behalten ihr Amt, solange sie von keinem anderen Priester gefordert und besiegt werden; es stimmt dabei übrigens nicht, dass diese Kämpfe ums Primarchat zwingend bis zum Tode gehen. Der Primarch Khyros ist ein angesehener Hauptmann in der II. Legion und ein Vertrauter von Archon Carvallus; Primarch Eipnir Salzdurst hingegen ist ein berüchtigter Söldnerkommandant, dessen Name in Ionderkamp ebenso verflucht wird wie in Chormakand und auf Eschaton. Auch der Neue Pfad kennt keine regelmässigen Gottesdienste, und den Firlenz verlachen seine Anhänger. Sie feiern das Julfest, doch nicht als Wende im Winter oder zur Stärkung der Gemeinschaft, sondern nur als Wutors grössten Sieg. Daneben führen die Priester auch Beerdigungen von im Kampf Gefallener und Gebete vor der Schlacht durch.
Verehrt wird Wutor in den nördlichen Landen Valeriens und des Grenzgürtels von allen Menschen, in den südlichen hingegen nur von jenen, deren Geschäft die Gewalt ist. In fast jeder Legion finden sich Priester und Anhänger des Neuen Pfades; die einzige Ausnahme ist die V. Legion, denn der Hjorgenskor verachtet und verprügelt leidenschaftlich gerne Anhänger des Neuen Pfades. Der Nordpfad ist etwa in der Hälfte der Legionen vertreten. Die meisten Menschen kennen nur den Neuen Pfad, und ihre Meinung über den ganzen Wutorkult fällt entsprechend aus. Viele Kirchen des Tritheons verachten daher den Kult, während jene anderer Kriegsgötter in kaum verhehltem Konflikt mit ihm stehen. Vor allem zwischen den Priestern Tallaes und Wutors herrscht offene Feindschaft. Auch munkelt man, die Nordländer hätten früher dem Wutor Menschenopfer dargebracht, und in manchen abgelegenen Gegenden tue man dies bis heute.
