Eine grosse Insel am Südrand der See von Gehenna, unterteilt in mehrere Gebiete: von Flüssen durchzogene Steppen mit zerstrittenen Stadtstaaten im Norden; dichter Dschungel im Westen, der an die Rindrikja grenzt; der Shaunach, ein wildes Gebirge voller Monster, im Zentrum; eine lebensfeindliche Wüste im Süden. Yumenech kann grob als zwei Arme von je etwa 400 Meilen Dicke beschrieben werden: Der längere im Norden misst Ost nach West etwa 2000 Meilen und geht im Westen in den zweiten über, etwa halb so lang in Nord-Süd-Richtung.
Aus den Aufzeichnungen Olcurs des Reisenden:
„Weit ist Yumenech, eine der grössten Inseln des Grenzgürtels; seine Form gemahnt an ein 'L' mit Schmerbauch, mit dem Rücken im Norden gegen die See von Gehenna und dem Fuss im Westen gegen die Rindrikja. Dem Reisenden bietet Yumenech ohne Zahl Ziel und Wundersames und Beschwernis und Abstossendes. Fruchtbar sind die Felder an den Ufern der nördlichen Flüsse, wimmelnde, laute Städte ernähren sie; die Wüste und Berge im Süden sind weit und öd und verlassen, der Dschungel im Westen grün und undurchdringbar und prall von Leben. Unermessliche Reichtümer finden sich in Yumenech in den Händen Weniger; prächtigste Paläste wachsen aus elendesten Armenvierteln. Nichts wert ist hier zu oft ein Leben; doch selbst der kranke Bettler mag Hilfe erhalten von den besten Heilern. Widersprüche kennzeichnen Yumenech und Streit und Krieg; grosse Kraft besitzt es, richtet sie aber doch nur gegen sich selbst.
Einzeln will ich berichten von den gar verschiedenen Gebieten dieser Insel, doch sollte der Leser nicht vergessen, dass sie doch in all ihrer Widersprüchlichkeit eine Einheit bilden.“
Der Norden: Stadtstaaten und Söldnerheere, Juwelen und Bettler
Aus den Aufzeichnungen Olcurs des Reisenden:
„Folgende Geschichte wird erzählt von der Eroberung durch den General Hjordan Hjorgenskor, und sie sagt viel aus über die Verhältnisse auf Yumenech: Den ganzen Krieg hindurch hatte das Imperium versucht, Yumenech zu unterwerfen. Die VII. Legion kämpfte drei Jahre lang dafür, unter verschiedenen Generälen. Leicht fanden sie Verbündete unter den zerstrittenen Stadtstaaten Yumenechs, aber immer wieder wechselten die Allianzen, wurden die Imperialen von ihren Verbündeten im ungünstigsten Moment im Stich gelassen oder ihr General gemeuchelt. Nach drei Jahren war die VII. hoffnungslos zersplittert, ihre Kompanien verstreut über ganz Yumenech und gebunden in Dutzenden kleiner Kriege.
So schickte der Senat die V. Legion unter dem Hjorgenskor nach Yumenech. Sie war kaum gelandet, da kamen Abgesandte aller grossen Städte und Fraktionen. Alle boten sie dem Hjorgenskor ihre Unterstützung, wenn die Imperialen ihnen nur helfen würde gegen ihre eigenen Feinde. Der Hjorgenskor lauscht ihren Worten und ward wütend. „So kann man doch keinen rechten Krieg führen“, brüllte der Hjorgenskor, „tut euch gefälligts zusammen und kämpft gegen das Imperium, wie es sich gehört!“ Der Hjorgenskor gab den Stadtstaaten zwei Wochen, sich gegen das Imperium zu verbünden. Jede Stadt, die dies nicht tue, würde der Zorn des Hjorgenskors treffen. Die nächste Stadt war Grellenak, und ihr Fürst sandte einen weiteren Abgesandten. Er bot dem Hjorgenskor einen Berg von Gold, wenn der Hjorgenskor nur kurz gegen einen oder zwei Feinde Grellenaks zöge. Also ging der Hjorgenskor nach Grellenak, hängte den Fürsten mit dem Kopf nach unten von der Stadtmauer und schleifte dessen Palast. Da verstanden die anderen Städte, und sie verbündeten sich und stellten den Hjorgenskor zur Schlacht. Gewaltig war die Übermacht der Stadtstaaten, aber der Hjorgenskor besiegte sie und nahm so Yumenech.
Wenn Yumenech nun auch dem Imperium untertan ist, so hat sich doch wenig geändert an der oftmals kleinlichen Zerstrittenheit seiner Städte. Aus allen Ländern Valeriens kamen Siedler nach Yumenech, und sie siedelten an den grossen Flüssen, welche nordwärts in die See von Gehenna fliessen. Trockene Steppen trennen diese Flüsse und die Städte an ihnen, das Land an den Ufern der Flüsse aber ist ungemein fruchtbar. Die weiten, spärlich bewohnten Gebiete zwischen den Städten liess eine jede ihren ganz eigenen Charakter entwickeln, oftmals geprägt von der Heimat ihrer Gründer. Fremd waren sich die Stadtstaaten daher von jeher, in einem aber geeint: in ihrer Gier nach den Schätzen, die sie flussaufwärts fanden, nach Edelsteinen und Elfenbein, nach Gold und Gewürzen, nach Weihrauch und Myrre. Diese Schätze des Landesinneren fanden ihren Weg flussabwärts und brachten in die Städte unermesslichen Reichtum und Grund genug, wider einander Krieg zu führen. Zu einem Paradies für Söldner und Glücksritter, Leibwächter und Meuchelmörder entwickelte sich Yumenech daher in kurzen Jahren. Die Beziehungen zwischen den Stadtstaaten und innerhalbvon ihnen waren bald geprägt von erbitterten Fehden und trügerischen Allianzen, und eine Vielzahl von Fraktionen kämpft bis heute in einem unüberschaubaren Chaos aus Gier, Verrat und Intrigen um ihren Anteil an den Schätzen Yumenechs. So heisst es denn auch, das sicherste Geschäft auf Yumenech sei jenes der Gewalt.
Vom Shaunach her winden sich breite Flüsse träge nordwärts. Ungeheuer fruchtbar ist das Schwemmland an ihren Ufern, fruchtbar genug, einige der grössten Städte des Grenzgürtels zu ernähren. Doch auch Krankheiten gedeihen an ihnen wie nirgends sonst. Brennende Fieber befallen nicht nur Körper, sondern häufiger noch den Geist und treibt zu Wahn und Raserei. Aussätzige sammeln sich in der Nähe jeder grösseren Siedlung. Besonders gefürchtet aber ist die schwarze Ruhr, die meist damit endet, dass der Kranke seine eigenes Herz stuhlt. Die Reichen Yumenechs können sich eine Behandlung leisten bei den berühmten alchimischen Ärzten; sie sind durch Gesetz und Eid verpflichtet, jede Woche einen Tag unentgeltlich die Armen zu behandeln. Ein Tag aber reicht selten aus, das Elend in den Armenvierteln merklich zu lindern.
Die grössten Städte finden sich, wo die Flüsee in die See von Gehenna münden, und in ihnen trifft der Reisende unermesslichen Reichtum gleich neben erschreckender Armut. Eigentümliche Sitten gedeihen hier, die selbst ein aufgeschlossener Geist oft als Dekadenz betrachten muss. In Cherebdis etwa schminken sich die Patrizier ihre Gesichter zu grässlichen bunten Fratzen, und es gilt ihnen als verwerflich, den Boden mit eigenen Füssen zu berühren. In Grellenak gilt ein Mann nichts, der nicht ein Familienmitglied getötet hat. In Shat, der grössten und mächtigsten Stadt Yumenechs, ersetzen die Händler ihre gesunden Zähne durch Edelsteine, und ihre Gemahlinnen liefern sich einen Wettstreit darin, wer sich das üppigste Fett anfressen kann. Sklaverei ist allegegenwärtig, und in vielen Städten sind Meuchelmörder offen in Gilden organisiert und verfügen über Ansehen und Einfluss.
Auf den Strömen, diesen Lebensadern Yumenechs, finden sich Boote und Schiffe aller Art, vor allem aber die typischen Quffas, kiellose runde Boote aus geflochtenem Schilfrohr über hölzernen Rippen, zusammengehalten von Binsenseilen und abgedichtet mit Bitumen. Zu hunderten schwärmen sie auf den Flüssen und transportieren Waren aller Art. Viele sind gefärbt in bunten Mustern, die ihre Herkunft und ihre Ladung kundtun. Wenn sich zwei Quffas begegnen – und dies scheint auf den Flüssen immer überall der Fall zu sein –, tauschen die Ruderer beider Boote fröhliche Beleidigungen aus, so dass über dem Wasser ein ununterbrochenes Geschrei herrscht, welches feinen Ohren eine arge Zumutung bereitet.
Zwischen den Flüssen, in weiten Steppen, in denen Wasserstellen als heilig und unantastbar gelten, hausen nomadische Reiterstämme, meist von Quernar stammend. Wenn sie den Stadtstaaten nicht gerade als Söldner dienen, betätigen sie sich gerne als Räuber. Händler schliessen sich deshalb, wenn sie nicht auf den Flüssen reisen können, gern zu schwer bewachten Karawanen zusammen; diese wiederum werden unvermeidlich in die allgegenwärtigen Feindseligkeiten verwickelt und nicht selten von den Truppen rivalisierender Städte ausgeplündert.
Woran es auf Yumenech selbst den Ärmsten nicht mangelt, sind Götter. Alle Mitglieder des Tritheons werden verehrt und daneben viele Götter, die vom Tritheon nicht anerkannt oder gar verboten sind. Wirre Sekten und gierige Scharlatane gehören dabei noch zu den weniger bedenklichen Gestalten unter jenen, die dies ausnutzen. Priester des Tritheons, deren Ehrgeiz und Gier stärker ist als ihre Frömmigkeit, beteiligen sich an den Spielen um Macht und Reichtum. Bis zur Eroberung durch den Hjorgenskor warden in Kydosh gar Tugrukhan dem Schnitter Menschenopfer dargebracht, und es heisst, seine Anhänger hätten bis heute grosse Macht in der Stadt.
Gerüchten zufolge wird auf Yumenech eine geheime Magie praktiziert, die sich der vier Körperausscheidungen Tränen, Schweiss, Blut und Samen bedient, um von fern allerlei Zauber auf den Ausscheider zu wirken; im seltensten Falle sind diese Zauber freundlicher Natur. Daher achten die Mächtigen Yumenechs peinlichst darauf, wem sie Körperkontakt gewähren.“
Der Westen: Wälder voller Schlangen, Tiger und Piraten
Aus den Aufzeichnungen Olcurs des Reisenden:
„Beherrscht wird Yumenechs Westen von den Grünen Fingern, den fünf Ausläufern des Shaunachs. Zwischen diesen mächtigen Höhenzügen, von denen jeder anderswo alleine „Gebirge“ genannt würde, breitet sich der Dschungel aus gleich einem endlosen grünen Teppich, aus dem Nebel und Tiergekreisch emporsteigt. Der unverzagte Bergsteiger, der von oben auf diese Fülle an Leben blickt, vermag keinen Weg zu erkennen unter dem Blätterdach. Tiger nennen diese Wildnis ihr Zuhause ebenso wie Schlangen, Affen und Myriaden von Vögeln und Schmetterlingen; Menschen aber findet man verlässlich nur an ihrem Rande.
Keine lebende Seele kennt all die kleinen Dörfchen, die versteckt in den verwinkelten Buchten der zerklüfteten Küste liegen. Ihre Bewohner, meist kaum mehr denn eine Grossfamilie, leben von den Gaben des Meeres und den Früchten des Dschungels. Es mangelt ihnen kaum je an Nahrung, oft aber an allem anderen und vor allem an Sicherheit. Sie sind arm und leben fern ihrer imperialer Herren, und folglich verlegen sie sich gerne auf Küstenpiraterie. Doch sind sie nicht auf Raubfahrt, so sind sie überaus gastfreundliche Menschen, die Reisenden gerne rachenzerstörerisch scharfe Gerichte servieren und erstaunlich anhängliche Geckos als Haustiere halten.
Fünf Städte harren trotzig und lärmig aus auf der dünnen Linie zwischen Meer und Dschungel. Die nördlichste, an der Grenze zwischen Rindrikja und der See von Gehenna gelegen, ist Preknat, die Stadt der verächtlichen Türme. Ganz im Süden liegt Port Monsun, ein stinkendes Piratennest, welches von Yondra Carvallus mit eiserner Faust beherrscht wird und dessen Vermeidung dem friedliebenden Reisenden empfohlen sei. Alle machen diese Städte einen wenig dauerhaften Eindruck; ganze Viertel bestehen nur aus Bretterbuden, schief und unbeständig, als wären ihre Besitzer jederzeit bereit, sie aufzugeben.
Tatsächlich gedenken viele Neuankömmlinge, nicht lange in diesen Siedlungen zu bleiben, sondern sie als Ausgangspunkt für Expeditionen in die Tiefen des Dschungels zu nutzen. Denn mancherlei Reichtümer verbergen sich im Schatten unter der grünen Decke: Im gebirgigen Inland lassen sich Smaragde, Saphire und Rubine finden; überwucherte Ruinen der Altvorderen harren ihrer Entdeckung und Plünderung; und nur hier wächst die Blaue Königin, eine seltene Orchidee, für deren Griffelsäule Alchimisten horrende Preise bezahlen. Doch der Dschungel gibt diese Schätze nur zögerlich und unter grossen Gefahren preis; von dreissig Schatzsuchern kehren vielleicht zwanzig zurück, und nur einer davon mag reich werden mit seinen Funden. Doch selbst dieser eine darf sich noch nicht glücklich wähnen: Auszehrende Krankheiten und widerliche Parasiten mögen ihn aus dem Dschungel begleiten oder auch Schlimmeres. Mehr als ein erfolgreicher Rückkehrer ward ausgeweidet in seinem Bett gefunden oder verschwand samt seinen Funden spurlos; dahinter mögen räuberische Neider stecken oder aber, glaubt man den Einheimischen, die alten Geister des Dschungels, die eifersüchtig über seine Schätze wachen. 'Der Dschungel gibt den Kampf um seine Schätze nie auf', heisst es in den Küstenstädten.
Überhaupt sind die Menschen zwischen den Grünen Fingern ein abergläubischer Haufen; die Schatzsucher und Abenteurer aus aller Herren Ländern mögen nicht lange hier bleiben, ihre diversen Aberglauben jedoch schon. Es ist, als würde hier etwas im Wasser oder in der Luft oder in der Allgegenwart des Dschungels der Menschen Vernunft benebeln und sie jede Absonderlichkeit mit Inbrunst glauben lassen. Nicht nur sprechen sie dem Dschungel einen bösartigen Willen zu und glauben ihn bevölkert von allerlei Geistern, sie fürchten auch eine Vielzahl von bösen Omen und unglückbringenden Vorzeichen. Die Farbe Gelb etwa soll Pech bringen, ebenso der Ruf der Schleiereule – die hier zwar nicht vorkommt, aber dennoch gefürchtet wird - oder das Trinken von Wasser, wenn Aro am Himmel steht. Zumindest lässt sich der Ursprung letzteren Unfug bei den Wirten vermuten. Gegen all dieses Pech, dass einem da jeden Tag drohe, versuchen die Menschen sich mit allerlei Fetischen zu schützen. Angeblich von einer Epsispriesterin geküsste Katzenschwänze und Fingerknöchelchen von Gehängten gehören dabei noch zu den weniger ausgefallenen Glücksbringern. Hier eröffnet sich Scharlatanen ein weites Geschäftsfeld.
Es heisst, in den Tiefen der Wälder lebe ein verborgenes Volk von Elfen mit brauner Haut und grünem Haar. Durch dichtestes Unterholz fänden sie ihren Weg, ohne eine Spur zu hinterlassen und ohne einen Zweig zu knicken, und ihre Behausungen seien hoch in Baumwipfeln gewachsene Hütten. Mit Tigern, Krokodilen und Schlangen sollen sie sprechen können und Jagd machen auf jeden Eindringling in ihrem Gebiet. Ich fand allerdings niemanden, der tatsächlich je einen dieser mysteriösen Dschungelelfen gesehen hätte.
Einige weitere Bewohner des Dschungels sollen hier erwähnt sein, darunter die grässlichen Riesen, die vom Titanen Urgmaggog abstammen; sie können sich trotz ihrer Grösse erstaunlich mühelos durch den Dschungel bewegen. Der Tiger ist der Tyrann des Waldes, und doch er soll er die Katze Manul fürchten, die in den höheren Lagen der Grünen Finger und des Shaunachs lebt. Bhokrot sind diebische kleine Affen von weissem Fell und verblüffender Schlauheit; in Preknat sah ich ein Exemplare, welches eine Handvoll Sätze sprechen und verstehen konnte. Doch das wohl beeindruckendste Wesen, dessen ich in diesem Land ansichtig wurde, ist die Legionärsameise. Sie kann so lang werden wie meine Hand, und ihre kräftigen Kiefer können einen fingerdicken Ast glatt durchbeissen; Legionärsameisen leben in grossen Hügeln, um die herum sie in ihrer Gefrässigkeit jegliches andere Leben auslöschen. Wo sich Legionärsameisen ansiedeln, verschwinden bald kleine Pflanzen und andere Tiere, erstere gefressen, letztere vielleicht auch geflohen, und selbst die mächtigsten Bäume sterben nach einigen Monaten ab, von unzähligen kleinen Bissen ihrer Kraft beraubt. Wenn sich schliesslich in weitem Umkreis um ihre Behausung nichts Fressbares mehr findet, dann zieht das ganze Volk der Legionärsameisen weiter in einem unaufhaltsamen Strom, der eine Spur der Verwüstung durch den Dschungel zieht. Es wird von Dörfern erzählt, die des nachts von einem solchen Marsch der Legionärsameisen überrascht und gänzlich ausgelöscht wurden.“
